Lucien schaute auf. Zum ersten Mal seit langem war sein Blick klar, voller Kampfgeist, Schuld und Entschlossenheit. ?Wenn das stimmt… dann wird sie nirgendwo sicher sein. Nicht drau?en. Nicht hier. Aber ich werde nicht zulassen, dass dieser Bastard sie noch einmal bekommt. Nur über meine Leiche.“ Lucien wusste, welches gewaltige Risiko im Krieg eingegangen war. Sie hierherzubringen war t?richt gewesen. Leichtsinnig und untypisch für ihn. Er, der sonst alles bedachte, jedes Risiko kannte und jede Schw?che ausnutzte. Doch ausgerechnet sie hatte seine Kontrolle aus dem Gleichgewicht gebracht und jetzt war es zu sp?t. Culebra würde sie suchen. Ihre Schw?chen zu kennen, würde für ihn ein gefundenes Fressen sein und wenn sie wirklich mehr war, als sie zu sein schien, dann konnte sie auch ihnen gef?hrlich werden.
?Du wei?t, dass sie hier nicht gerade herzlich empfangen wird“, warf seine Mutter scharf ein.
Lucien erwiderte ruhig: ?Das ist mir bewusst, Mutter. In zwei Tagen muss ich ins Himmelreich aufbrechen. Ich kann sie kaum in meine H?hle lassen. Und ganz nebenbei, sie scheint ein gewisses Talent zum Entkommen zu besitzen.“ Er versuchte, den Satz beil?ufig klingen zu lassen, doch seine Stimme verlor an Festigkeit. Nicht einmal sich selbst konnte er sagen, warum er sie wirklich bei sich behielt. Warum sie ihm nicht aus dem Kopf ging. Warum er, der jede Frau wie einen Gegenstand behandelte, pl?tzlich bereit war, sie zu schützen . Lucien hatte sie verletzt. Tiefer, als er es je bei jemandem getan hatte. Schlimmer noch, er hatte sie an Erinnerungen gesto?en, die nie berührt werden durften. Lucien war kein guter Mann, das wusste er, aber er war auch kein grausamer, kaltherziger D?mon. Nicht ganz. Ein letzter Rest von Ehre war geblieben, irgendwo tief in ihm und dieser Teil schrie nach Wiedergutmachung.
?Verübeln kann man es ihr nicht“, mischte sich Taran missbilligend ein und Lucien stimmte ihm im Stillen zu.
Dann Charia mit einem süffisanten L?cheln: ?Warum ist sie dir eigentlich so wichtig? Du hast noch nie eine Frau behalten. Normalerweise entledigst du dich ihrer, kaum dass du bekommen hast, was du wolltest. Oder habe ich da etwas falsch in Erinnerung?“
Lucien widerte nur cool: ?Sie schuldet mir meinen Rubin. Der liegt irgendwo auf dem Grund eines Sees und solange ich ihn nicht habe, bleibt sie.“ Ob das die Wahrheit war oder nur eine Ausrede, wusste er selbst nicht mehr. Vielleicht beides.
?Dann tauch ihn doch selbst aus dem Wasser“, warf Lodan trocken ein.
Lucien verzog das Gesicht. ?Wenn es so einfach w?re, h?tte ich es l?ngst getan. Aber irgendetwas stimmt nicht mit diesem verdammten Rubin. Er ist verschwunden... wie verhext. Ich kann ihn nicht spüren oder sehen. Sie hingegen schon.“ Sein Tonfall lie? keinen Widerspruch zu. Für ihn war die Sache klar. ?Wenn sie ihn nicht zurückbringt, muss sie warten, bis ich zurückkomme. So einfach ist das.“ Er zuckte mit den Schultern, als sei es ihm gleichgültig. Doch innerlich war es das nicht. Nein, es war nichts gleichgültig an ihr. Diese Frau verweigerte sich ihm. Stellte sich quer. Schaute ihn an, als sei er das Monster, das sie sich nie wieder anschauen wollte, und vielleicht war er das auch. Aber er würde sie trotzdem nicht gehen lassen. Nicht jetzt. Lucien musste wissen, was sie war und wer sie war. Sie war ein R?tsel, das ihn in seinen Bann gezogen hatte, ob er wollte oder nicht.
?Na, ob das mal gut geht“, brummte Taran. ?Sie scheint alles andere als begeistert zu sein, dass du sie hierbehalten willst. Für sie ist das hier wahrscheinlich die H?lle. Und dazu kommt noch ihre Abscheu gegenüber Drachen. Wer soll sich um sie kümmern? Sie wird keinem hier trauen. Und sie wird nicht gehorchen.“
Aiden stand von seinem Stuhl auf. Sein Gesichtsausdruck war entschlossen. ?Ich werde es tun. Ich bleibe bei ihr. Sie braucht jemanden, den sie kennt. Jemanden, dem sie vielleicht ein wenig vertraut.“ Er wandte sich an Charia. ?Kannst du eine Weile auf mich verzichten?“
Charia überlegte kurz, dann nickte sie. ?Für eine Weile, ja, aber bleib nicht zu lange weg, Aiden. Du wei?t, wie es um uns steht. Jeder Mann wird gebraucht. Die Front ist zurzeit still, aber das kann sich jederzeit ?ndern.“ Ihr Blick richtete sich auf ihn. ?Und du beeile dich, Bruderherz.“
Lucien antwortete nicht darauf und er wusste es. Natürlich wusste er es, aber irgendetwas an dieser Elfe lie? ihn z?gern. Sie war nicht nur eine Schuld. Nicht nur ein Problem. Sie war eine Herausforderung. Und vielleicht… war sie seine einzige Chance, noch einmal etwas richtig zu machen.
?Keine Sorge“, sagte Lucien knapp. ?Ich habe nicht vor, dort meine Ewigkeit zu verbringen. Ich werde es mit Raiden so schnell wie m?glich regeln.“ Er meinte es ernst, das hier sollte kein langes Intermezzo werden. Doch tief in ihm arbeitete eine unangenehme Unruhe. Der Rat der Engel war unberechenbar und die h?chste Autorit?t der Engel. Engel hatten nichts mit Glauben zu tun, sondern nur mit Macht. Sie standen auf der Seite des Bonum, des Guten. Ein strahlendes Ideal. Rein, gerecht und unangreifbar. Doch Lucien wusste es besser.
Bonum und Pravum, Licht und Schatten, zwei Seiten derselben Münze. Und in Wahrheit… war nichts daran rein. Die Engel hatten die Gerüchte selbst gestreut, um sich als strahlende Lichtgestalten zu inszenieren. Doch in Wahrheit waren sie Krieger, Richter und Henker zugleich. Keine Heiligen. Keine Retter. Und Gott? Oh, G?tter gab es sehr wohl. Nicht jener aus den menschlichen Schriften. Kein b?rtiger, gütiger Vater im Himmel. Sondern G?ttin Seferati, Urmutter der Himmlischen. Die Sch?pferin der Engel und erste G?ttin aus Licht. Doch Seferatis Gegenwart war selten. Sie mischte sich nicht ein. Keine ihrer Art tat das, denn selbst die G?tter unterlagen einem Gesetz, dem Gleichgewicht. Solange sich Licht und Dunkelheit die Waage hielten, blieben sie fern. Unparteiisch und unberührbar. Denn wenn ein Gott Partei ergriff, neigte sich die Welt und Chaos brach aus.
Das Himmelvolk hielt seine Strukturen streng geheim. Ihre wahre Hierarchie war ein wohlgehütetes Mysterium und vielleicht war es auch besser so. Denn wenn je ans Licht kam, wie eng Bonum und Pravum manchmal nebeneinanderlagen… wer wüsste schon, was danach geschehen würde.
Ein leiser Stich traf ihn, als Aiden sich erneut bereit erkl?rte, sich um die Elfe zu kümmern. Lucien sollte vielleicht dankbar sein, sie würde dadurch besser geschützt sein. Doch stattdessen spürte Lucien… Missgunst. Warum st?rte es ihn so sehr? Aiden hatte ihr geholfen. Sie kannte ihn. Vertraute ihm ein Stück weit. Das machte ihn zur logischen Wahl, aber Logik war Lucien in diesem Moment egal.
?Wir kümmern uns in deiner Abwesenheit um die Elfe“, sagte seine Mutter kühl. ?Aber wir sind keine Babysitter, nur weil du es befiehlst.“
Lucien nickte. ?Ich erwarte auch nicht mehr. Solange sie in meinen Gem?chern bleibt, sollte es keine Probleme geben.“
Aiden knurrte laut. ?Ich habe eben gesagt, dass ich sie nicht mehr eingesperrt sehen will. Verdammt, Lucien, sie ist keine Gefangene. Nicht mehr.“ Sein Blick war scharf, voller Zorn und voller überzeugung.
Lucien unterdrückte ein Knurren. Er war es, der sie hierhergebracht hatte. Er, der das Sagen hatte und doch, Aiden hatte recht. ?Schon verstanden“, presste Lucien zwischen seinen Z?hnen hervor. ?Kümmer dich um sie, solange ich fort bin.“ Doch in seinem Inneren nagte es weiter. Er wollte Antworten und er würde sie von ihr bekommen. Nicht durch Gerüchte und nicht mehr durch Dritte. Lucien wollte ihre Stimme h?ren und ihren Blick spüren, wenn sie sprach. Wollte sehen, ob ihre Augen flackerten, wenn sie log. Oder ob sie es wagte, ihm ins Gesicht die Wahrheit zu sagen. Und mehr noch, er wollte wissen, was sie verbarg, denn er war sich sicher, sie trug ein Geheimnis in sich, das gr??er war als alles, was er sich bisher vorgestellt hatte. Er würde es herausfinden, solange sein Herz in seiner Brust schlug. ?Ich sag dir Bescheid, wann ich aufbreche, Aiden.“ Lucien schloss kurz seine Augen, rang sich zur Ruhe. ?Gibt es noch etwas, das ihr mir mitteilen wollt? Wenn nicht, verabschiede ich mich jetzt.“ Er erhob sich. Für ihn war das Gespr?ch beendet und er hatte noch etwas zu tun. Ein Gespr?ch zu führen und doch da war noch ihre Stimme. Nicht die der Elfe, sondern die seiner Mutter.
?Wir beide sollten noch ein Gespr?ch führen.“ Ihre Worte hallten in seinem Geist wider. ?Es geht um deinen Schatz.“
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Kurz runzelte Lucien die Stirn. Es war ihm ein R?tsel, warum seine Mutter gerade jetzt mit ihm über den gestohlenen Rubin sprechen wollte.
?Ja, ich hab’s verstanden. Aber sp?ter. Vorher gibt es etwas Wichtigeres.“ Mit diesen Worten wandte Lucien sich ab und ging. Er wusste, dass seine Mutter genau verstand, wohin ihn seine Schritte führten. Sollen sie doch alle denken, was sie wollten, denn mit dieser Elfe war er noch nicht fertig.
Vor seinen R?umlichkeiten angekommen, spürte Lucien Aiden hinter sich. Er blieb stehen, wandte sich jedoch nicht um. Péer und Mike standen wie eh und je vor der Tür, doch ein kurzes, wortloses Nicken genügte. Sie verstanden und zogen sich zurück. ?Was willst du, Aiden?“ Seine Stimme war kühl und schneidend.
?Ich muss mit ihr reden.“ Nicht einmal der Versuch, Lucien davon abzuhalten, zu ihr zu gehen? überraschend, aber es st?rte ihn nicht weniger.
Ein leises, schnaubendes Lachen entrang sich Lucien. Langsam drehte er sich um. ?Wohl kaum. Dein Teil der Abmachung tritt erst in Kraft, wenn ich in zwei Tagen abreise. Bis dahin h?ltst du dich fern.“ Seine Augen glitzerten gef?hrlich. ?Oder ich rei?e dir den Kopf ab.“
?Sag mal, hat dein Verstand irgendwo einen Schaden genommen?“, knurrte Aiden und baute sich vor ihm auf. ?Sie ist kein verdammter Gegenstand, Lucien. Kein Eigentum, das du nach Belieben behalten kannst.“
Lucien lachte hart und sp?ttisch. ?Aber natürlich ist sie das. Solange sie mir meinen Schatz nicht zurückgibt, bleibt sie eben mein Ersatz dafür.“
Aiden funkelte ihn mit blauen Augen an, die sich golden verf?rbten. Sein Luftdrache kam zum Vorschein. Eine ?ffentliche Drohung. ?Hast du es überhaupt schon mal mit Reden versucht? Oder ist das zu viel verlangt? Ach stimmt ja, deine bevorzugte Reihenfolge lautet, erst t?ten, dann nachfragen.“ Er schüttelte den Kopf. ?Wei?t du, was ich nicht ausstehen kann? Diese selbstgerechte Arroganz von dir. Du verlangst, dass sich jeder dir unterordnet, als w?rst du schon K?nig. Und wenn du es wirklich eines Tages wirst… wundere dich nicht, wenn dir das alles um die Ohren fliegt.“
Lucien bebte vor unterdrückter Wut und sein Feuerdrache regte sich bei seiner drohenden ?u?erung. ?Du kannst froh sein, dass du einer meiner engsten Vertrauten und weil du einer der besten Krieger meiner Schwester bist. Ich erlaube dir, einmal dein Maul aufzurei?en, aber übertreib es nicht. Die Gnade w?hrt nicht ewig, Aiden.“ Seine Stimme war nun nur noch ein drohendes Grollen. ?Pass auf, was du sagst. Freund oder nicht, ich zerrei? dich trotzdem, wenn du es drauf anlegst.“
Aiden starrte ihn an. Wut kochte in ihm, denn Lucien erkannte es seinen Augen, wie zu glühen begannen. Und gleichzeitig… Unverst?ndnis. Warum, verdammt, reagierte Lucien so gereizt? Was war da zwischen ihm und der Elfe? ?Dann wei? ich ja jetzt, woran ich bin.“ Aiden schnaubte ver?chtlich. ?Du magst gerade die Oberhand haben, aber ich werde ihr helfen. Egal, was es mich kostet.“
Lucien grinste kalt, wie ein Raubtier, welches er war. ?Dann zeig mal, was du kannst. übernimm dich nur nicht, Aiden.“ Er lachte leise, ?ffnete die Tür zu seinen R?umen und verschwand darin.
Aiden
Wutentbrannt rammte Aiden die Faust gegen die Steinwand. Risse zogen sich durch das Mauerwerk, feiner Staub rieselte zu Boden. Schmerz fühlte er nicht, zu gro? war seine glühende Wut. Lucien spielte ein Spiel und das auf Emmanlines Kosten. Sie war kein verdammter Gegenstand, den man nach Belieben verschieben oder besitzen durfte. Niemand hatte das Recht, so über sie zu bestimmen. Der Gedanke daran lie? ihn innerlich kochen, und mehr als einmal hatte er sich gewünscht, Lucien für all das die Fassung aus dem Leib zu prügeln.
Aiden hatte nicht gelogen, als er ihr Glück gewünscht hatte. Für ihn war Emmanline etwas Besonderes. Von der ersten Sekunde an. Das hatte er gespürt und es war auch nicht gelogen gewesen, dass er sie überall gesucht hatte. In Wahrheit hatte er sie sehen wollen. Bei sich haben. Er wollte sie beschützen, vor allem und jedem. Er wollte, dass sie wieder lachte. Ein echtes L?cheln. Eins, das er bisher nicht gesehen hatte. Allein die Vorstellung davon raubte ihm den Atem.
Emmanline war eine natürliche Sch?nheit. Eine, die ihm den Kopf verdrehte. Die ihn vergessen lie?, wer er war, sobald er sie nur ansah. ?Verdammt… es hat mich voll erwischt.“ Die Worte kamen leise, rau, fast wie ein Gest?ndnis. Es stimmte, diese Frau ging ihm unter die Haut. Tiefer noch. Er begehrte sie, weil Emmanline anders war. Weil sie echt war und weil Aiden tief in sich spürte, dass sie mehr für ihn bedeutete, als Worte sagen konnten. Er würde sie beschützen, egal, wer sich ihm in den Weg stellte. Selbst wenn es Lucien war, der zukünftige K?nig.
Aiden musste einen Plan schmieden. Irgendwie musste er Emmanline da rausbekommen. Aber dafür… musste er mit ihr sprechen. Allein. Ohne Luciens Schatten. Wenn Lucien in zwei Tagen aufbrach, würde Aiden seine Chance nutzen. Er würde sie zu sich holen. Ihr zeigen, was sie ihm bedeutete. Vielleicht mehr, als sie ahnte, denn eins war ihm klar, bei Lucien ging es l?ngst nicht mehr nur um den Rubin. Drachen waren besitzergreifend. Besonders, wenn sie etwas fanden, das sie faszinierte und Luciens Verhalten hatte nichts mehr mit Vernunft zu tun.
Zwei Tage. Immer wieder flüsterte Aiden es sich selbst zu, wie ein Mantra.
Zwei Tage … dann würde er sie holen.
Doch jetzt musste er erst mal Abstand gewinnen. Aiden atmete tief durch, presste die Lippen fest zusammen und ging.
Lucien
Was war nur in ihn gefahren?
Seit wann spielte er sich derart kindisch auf? Wegen einer Frau? Wie irrsinnig war das? Lucien wusste, oder besser gesagt, spürte, was diese kleine Elfe für Aiden bedeutete. Sie war ihm wichtig. Mehr als das. Verstehen konnte er es irgendwie… aber wirklich nachvollziehen? Nein. Er selbst hatte noch nie jemanden so nah an sich herangelassen und doch, er hatte Aiden provoziert. Die Herausforderung angenommen. Aber warum? Wenn er seinen Rubin wieder hatte, h?tte er sie einfach beiseitegeschoben. Ein kalter, nüchterner Fakt.
?Wenn du jetzt Mitleid zeigst, weil du etwas von mir wei?t, dann spar es dir.“ Eine schneidend kalte Stimme durchbrach seine Gedanken und riss ihn zurück in die Gegenwart. Lucien wusste, woher sie kam und von wem.
Die Elfe sa? auf seinem Bett, mit dem Rücken zu ihm. Starr, wie eine Statue. Er betrachtete sie einen Moment lang zu lange. ?Wer sagt, ich bringe dir Mitleid entgegen?“ Seine Stimme war ruhig, bestimmt.
?Niemand. Ich wollte es nur klarstellen. Ich brauche kein Mitleid und schon gar nicht von einem Drachen wie dir.“ Wieder dieser eiskalte Ton.
Lucien trat langsam n?her und umrundete das Bett. ?Du bist dir da ja ziemlich sicher. Aber keine Sorge, ich verschwende mein Mitleid nicht.“ Ein leises Lachen schlich sich in seine Stimme.
Wie sie da sa?, aufrecht, vorsichtig und mit starrem Blick aus dem Fenster, in der Ferne der goldene Schein… Lucien stellte sich direkt vor sie und blockierte ihr die Sicht. Doch sie rührte sich nicht. Kein Blick. Kein Zucken.
Verflucht, das macht mich wahnsinnig.
Lucien ging in die Hocke, zwang sie, ihn anzusehen, aber was er in ihren Augen sah, lie? ihn innehalten... Leere. Silberne, ausdruckslose Leere. Was war nur mit ihr passiert? Er wollte instinktiv ihre H?nde nehmen, doch sie zog sie blitzschnell zurück.
?Lass das.“ Eiskalt und unverrückbar.
?Warum? Hast du Angst?“, fragte Lucien mit einem Schmunzeln.
?Nein. Das ist eine tr?stende Geste und ich sagte bereits, ich brauche kein Mitleid“, sagte sie abwehrend.
Lucien ignorierte ihre Worte, legte die H?nde stattdessen auf ihre Oberschenkel. Sie versuchte, ihn wegzuschieben, aber vergeblich. Als sie aufgab, durchzuckte ihn ein Hauch von Triumph. Sein Drache brummte in seinem Inneren zufrieden. Doch dann presste sich eine Frage an die Oberfl?che. Eine, die er stellen musste. ?Warum hast du mir nicht gesagt, dass Culebra dich gefangen gehalten hat? Das er dieser Drache war?“ War es überhaupt m?glich, dass Augen noch lebloser wirken konnten? Ja, ihre gerade taten es.
?Was h?tte das ge?ndert?“ Ihre Stimme war flach, beinahe monoton. ?H?ttest du mich dann besser behandelt? Oder schlimmer, weil ich in der Obhut eines Verr?ters euresgleichen war? Vielleicht bin ich tats?chlich eine Spionin, wie ihr schon vermutet habt. Du h?ttest mich nie hierher bringen dürfen. Es spielt keine Rolle. Ersparen wir uns das Theater und überspringen wir alles, oder geh gleich zu eurer liebsten Foltermethode über. In Stücke rei?en liegt euch doch.“
Lucien stockte. In Stücke rei?en? War das… was Culebra ihr angetan hatte? Wut stieg in ihm auf, hei? und unerbittlich. ?Hat er dir das angetan?“, knurrte er leise grollend auf.
?Ich sagte, es spielt keine Rolle.“ Doch das lie? er nicht gelten.
?Und ob das eine Rolle spielt! Verdammt nochmal“, brüllte Lucien. Er musste sich zwingen, sie nicht zu packen und sie nicht zu schütteln, damit sie endlich etwas fühlte. ?Emmanline …“ Es war das erste Mal, dass Lucien ihren Namen aussprach, und es klang… so natürlich. Als h?tte er ihn schon Hunderte Male gesagt.
Doch ihr ganzer K?rper spannte sich an. ?Nenn mich nicht so. Du hast kein Recht, meinen Namen in den Mund zu nehmen.“ Ihre Stimme bebte, diesmal vor Zorn. ?Wir kennen uns nicht.“
Lucien funkelte Emmanline mit goldenen Augen finster an. ?Ist das so? Tja. Pech. Dann wird das jetzt dein Problem sein. Ich nenne dich, wie ich will. Gew?hn dich dran und jetzt h?r auf, sturk?pfig zu sein, und beantworte meine Fragen.“ Schweigen. ?Verdammt, M?dchen.“ Er schüttelte seinen schwarzen Schopf. Ihre Sturheit brachte ihn an den Rand des Wahnsinns. Er musste einen anderen Weg w?hlen. Langsamer. Weicher. Sanft hob Lucien ihr Kinn mit zwei Fingern an und zwang sie, ihn anzusehen. ?Ich meine es ernst, Emmanline. Du musst mir sagen, was passiert ist. Ich kann dich sonst nicht beschützen.“ Er meinte jedes Wort ernst, aber sie schnaubte verbittert auf.
?Beschützen? Ich verzichte. Ich bin mein ganzes Leben lang allein zurechtgekommen. Das wird sich auch jetzt nicht ?ndern. Nein, danke.“ Sie versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien, doch er hielt sie fest.
Und das entsandte ihn.

