?Bitte... h?rt auf“, kr?chzte Emmanline. Ihre Stimme klang rau, heiser und fremd, als sie glühende Glasscherben verschluckt h?tte. Jeder Atemzug brannte wie Feuer in ihrer Kehle. ?Es ist meine Schuld“, flüsterte sie schlie?lich und sah zu dem Drachen auf, der sich schützend vor sie gestellt hatte. Sie konnte es kaum glauben. Aiden steht wirklich vor ihr. Ein Teil von ihr hatte gehofft, ihn nie wiederzusehen. Nicht, weil sie ihm nicht gefiel, sondern weil sie ihm nicht noch mehr Leid zumuten wollte. Er hatte einst alles für sie riskiert. Und nun war es wieder da, genau an dem Ort, wo alle Drachen ihren Hauptursprung hatten. Natürlich war es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis sich ihre Wege kreuzen würden, je l?nger sie hier war. Aber Emmanline wollte nicht, dass es so kam. Nicht so. Nicht hier. Nicht vor den Augen eines anderen Drachen, der sie wie Beute betrachtete.
?Inwiefern deine Schuld?“, grollte Aiden, den Blick noch immer auf den anderen Drachen gerichtet.
?Weil ich... etwas aus seinem Hort genommen habe“, antwortete Emmanline leise und ihre Schultern senkten sich.
"War?" Die überraschung in Aidens Stimme war nicht zu überh?ren. Er drehte sich zu ihr um, seine blauen Augen weiteten sich. ?Warum?“
Emmanline senkte ihren Blick. Ihr wei?es Haar f?llt wie ein Schleier über ihrem Gesicht. ?Ich wei? es nicht. Ich kann mich nicht erinnern.“
Fassungslosigkeit stand in Aidens Zügen, doch er sagte nichts weiter. Es gab nichts, was er ihr vorwerfen konnte, sie war bereits ihr eigener schlimmster Richter. ?Ich verstehe es zwar nicht, aber... du bist am Leben und in Sicherheit. Das ist alles, was z?hlt.“ Seine Stimme war weich, voller Erleichterung. Doch bevor Emmanline etwas erwidern konnte, zerbrach das fragile Band der Ruhe.
?Was soll das Ganze?“ Ein tiefes Knurren vibrierte durch den Korridor und eine G?nsehaut überzog ihren K?rper. Der Drache mit seiner machtvollen Pr?senz lie? seinen inneren Zorn freien Lauf. Sie hob den Kopf und begegnete seinem glühenden Blick. Er sah sie an, nicht wie ein Drache, sondern wie ein Raubtier, das sich seiner Beute sicher war. Sein Blick durchbohrte sie, so intensiv, dass sie sich ungewollt entbl??t fühlte. Emmanline hatte gedacht, zwischen diesen zwei Drachen zu stehen, würde bedeuten, dass sie unsichtbar war. Unwichtig. Aber sie hatte sich get?uscht. Hatte sie etwas Falsches gemacht? War es ein Fehler gewesen, ihren eigenen Weg zu gehen? Die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag, sie war nie für ein normales Leben bestimmt gewesen. Nicht für Freiheit. Nicht für Zugeh?rigkeit. Sie war geboren worden, um zu gehorchen. Um sich zu beugen, und in diesem Moment meinte sie, dass sie niemals entkommen würde. ?Rede“, knurrte der Drache zornig. Seine Stimme war hart, kalt und fordernd. Nur für sie bestimmt. Doch sie blieb stumm. Selbst als das tiefe Grollen bedrohlicher wurde, lie? sie sich nicht einschüchtern. Das hier war nichts Neues.
Gerade als er auf sie treten wollte, schob sich Aiden zwischen sie. ?H?r auf zu knurren“, sagte er ruhig, aber bestimmt. ?So wirst du nichts erreichen.“ Dann wandte er sich ihr zu, seine blauen Augen durchdringend und wissend. ?Es tut mir leid, Emmanline“, sagte er mit ernster Stimme. ?Aber... sie müssen es wissen. Ich kann nicht tatenlos zusehen, wie sie dich behandeln. Nicht so. Du verdienst mehr als das.“
Seine Worte trafen sie unvorbereitet. Mit stockendem Atem, den sie zurückzog, hefteten sich ihre silbernen Augen auf ihn. Kalt, verletzt und anklagend. Emmanline fühlte sich auf eine gewisse Art und Weise verraten. Aiden wusste zu einem winzigen Teil, was geschehen war. Er hatte sie gefunden. Er wusste, wo sie gewesen war, und wollte es trotzdem aussprechen. Vor allen.
?Es ist mir egal, was du glaubst, was ich verdient habe“, sagte Emmanline in einem eisigen heiseren Ton. ?Aber du hast kein Recht, über Dinge zu sprechen, die über meinen Willen hinausgehen.“ Aiden zuckte leicht unter ihren Blick und ihre Worte zusammen. Gut, sollten Sie alle sehen, was sie geworden ist. Nicht Opfer. Nicht Heldin. Sondern eine Gefangene in ihrer Herkunft.
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?Emmanline …“ Aidens Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, ein flehentlicher Versuch, sie zu beruhigen oder sich vielleicht zu entschuldigen. Doch sie wusste es besser. Sie erkannte es in seinem Blick. Seine Entscheidung war l?ngst gefallen.
Als seine Hand sich nach ihr ausstreckte, die Emmanline zurückzog, entzog sich seine Berührung. Jeder ihrer lag Bewegungen ein stummes Aufbegehren zugrunde, verborgen unter einer Hülle aus Schmerz, den sie nicht zeigen wollte. Weder den K?rperlichen noch den Seelischen. Ein k?lterer, emotionsloser Schleier hatte sich über sie gelegt. ?Fass mich nicht an“, hauchte sie heiser, fast tonlos. Ihr Blick war leer, ihr K?rper angespannt wie eine Saite vor dem Zerrei?en. Emmanline trat einen weiteren Schritt zurück und ignorierte die Reaktionen der Umstehenden. Ob Entsetzen, Mitgefühl oder Unverst?ndnis in ihren Augen lag, war ihr gleichgültig. Alles war ihr gleichgültig.
Die Stimme des Drachen durchbrach die angespannte Stille wie ein Messer. ?Péer, Mike, bringt sie auf mein Zimmer.“ Der Befehl war scharf, unmissverst?ndlich. Seine goldenen Augen lagen unbeirrt auf ihr, beobachteten und kontrollierten, als fürchtete er, sie k?nnte sich in der Luft aufl?sen. ?Ihr bleibt dort vor der Tür und verlasst euren Posten nicht, bis ich es euch anders befehle. Verstanden?“
?Jawohl“, antworteten die beiden Wachen mit einem einzigen, disziplinierten Ton. Sie traten vor, zwei gewaltige Schatten aus Stahl und Entschlossenheit. Emmanline wich instinktiv zurück, das Herz pochte wild in ihrer Brust.
?N … nein“, presste sie erstickt hervor, die Enge in ihrer Kehle schnürte ihr die Luft ab. In Aidens Blick lag eine stumme Bitte. Doch selbst er konnte sie nicht retten. Nicht jetzt. Sie war gefangen in Entscheidungen, die andere für sie trafen. Ohne ein weiteres Wort wandte Emmanline sich ab. Sie ergab sich dem, was kommen würde. Was auch immer es war. Sie hatte keine Kontrolle, aber sie spürte den brennenden Schmerz der Ohnmacht, weil über sie gesprochen wurde, als w?re sie nicht anwesend. Weil ihr das Recht auf eine Stimme genommen wurde.
W?hrend Emmanline durch den Flur ging, blendete pl?tzlich ein Licht ihre Augen. Wie erstarrt blieb sie stehen. Vor ihr und hinter der gl?sernen Fensterfront erstreckte sich ein Panorama von solcher Sch?nheit, dass ihr der Atem stockte. Am Horizont ragten gewaltige Berge auf, hinter denen die Sonne in einem sanften Rot versank. Die Wiesen davor leuchteten in sattem Grün, getaucht in ein warmes, goldenes Licht. Ein Moment der Stille. Ein Moment der Ruhe. Tief in ihrer Brust flackerte etwas auf. Etwas, das sie fast vergessen hatte: ein Hauch von Frieden. Nur ein Augenblick, aber er reichte. Dann wandte sie sich ab und ging weiter. Langsam. Schritt für Schritt. Hinter ihr spürte sie die Wachen. Ihre Blicke brannten wie Pfeile in ihrem Rücken, aber sie lie? sich nichts anmerken.
Emmanline hatte sich geschworen, nicht zu zerbrechen. Noch nicht. Dieses Versprechen galt ihrer Mutter und an diesem Schwur hielt sie fest. Mit aller Kraft. Er war ihr letzter Halt. Der dünne Faden, der sie durch dieses Labyrinth aus Schmerz und Dunkelheit zog. Der Leitstern, der ihren Weg wies, ganz gleich, wohin dieser sie führen würde.
Zurück in dem Zimmer, das ihr nun wie ein golden vergitterter K?fig erschien, umfing sie eine drückende Stille. Ungewissheit hing wie ein bleierner Nebel in der Luft. Emmanline konnte nicht stillsitzen. Musste sich bewegen. Wie getrieben lief sie auf und ab. Hin und her, in Schleifen und B?gen, als k?nnte sie dem, was in ihr tobte, davonlaufen. Als würde Bewegung die Stimmen in ihrem Innern zum Schweigen bringen. Der Drang nach Bewegung war wie ein Zwang, ein stummer Schrei ihres K?rpers, der das Chaos im Innern zu ordnen versuchte. Immer wieder führten ihre Schritte sie zum Fenster. Diesmal war es nicht die sinkende Sonne, die sie empfing, sondern der lange Schatten, der auf dieser Seite des Schlosses lag. Die W?lder und Wiesen drau?en waren in ein goldenes Licht getaucht. Warm, friedlich und beinahe irreal. Aber Emmanline stand auf der Schattenseite. Immer auf der Schattenseite.
Ein leises, resigniertes Seufzen entkam ihr, als sie einen Schritt zurücktrat und mit den Kniekehlen das Bett berührte. Langsam lie? Emmanline sich auf die Bettkante sinken. Ihr Blick blieb an der Landschaft haften, als sie in der Weite da drau?en die Ruhe finden k?nnte, die ihr hier drinnen verwehrt blieb. Für einen Moment lie? sie erneut die Anspannung von sich fallen. Atmete ein. Atmete aus. Fokussiert sich auf den goldenen Glanz, der über den Horizont strich.

