Lucien trat gerade aus dem Bad, das Handtuch in einem Schlie?fach. Bewegung über seine nassen, pechschwarzen Haare reibend. Sein Oberk?rper war noch feucht, die Haut vom hei?en Wasser ger?tet, einzig ein locker sitzender Schlauch bedeckte ihn. Das Bad hatte gutgetan und er fühlte sich überraschend erfrischt gel?st, fast ein wenig leicht. Doch kaum hatte er den Raum betreten, bevor er mitten in der Bewegung eintrat. Sein Blick glitt instinktiv zum Bett.
Leere.
?Das darf doch wohl nicht wahr sein“, knurrte Lucien, seine Stimme nur ein Hauch, aber voller Sch?rfe. Wie angewurzelt blieb er stehen. Wieder war sie verschwunden. Schon wieder und diesmal hatte er es nicht einmal gespürt. ?h, Lucien De la Cruise, h?tte merken müssen, wenn sich jemand aus seinem Einflussbereich stahl. Vor allem sie, weil alle seine Sinne auf sie gelegt waren. Doch das Bett war kalt und leer. Ihre Pr?senz war verschwunden. Diese verdammte Elfe. Immer wieder brachte sie ihn aus dem Konzept. überraschend, widerspendend und unberechenbar. Es war zum Verrücktwerden… und doch zwang ihn der Gedanke an sie zu einem schiefen Grinsen. Sie war keine gew?hnliche Gefangene. Nein, ganz sicher nicht.
Doch das Grinsen erstarrt schnell. Die Wahrheit schl?gt wie eine kalte Welle über ihn zusammen. Kaum jemand wusste, dass Lucien sie ins Schloss gebracht hatte. Ein ungestümes Gefühl durchzog seine Brust. Es war mehr als nur eine Ahnung. Es war Gewissheit. Sie war in Gefahr und er hatte keine Ahnung, wo sie war.
Sofort stürmte Lucien aus seinem privaten Gemach, das Handtuch achtlos zu Boden gefallen. Im ersten Moment blieb er stehen. Starr und wachsam. Dann sog er die Luft tief in seinen Lungen und da war er. Ihr Duft, wie der erste Sonnenstrahl eines Morgens, der über eine schlafende Wiese streicht. Warm, klar und verhei?ungsvoll. Sü? und wild zugleich. Er durchdrang ihn bis auf die Knochen, entfachte etwas in ihm, das nur sie in ihm wecken konnte. Sein innerer Drache schlug sofort die Augen auf, ein unb?ndiges Grollen vibrierte unter seiner Haut. Der Drang, ihr zu folgen, war überw?ltigend. Nicht blo? ein Impuls, sondern eine Notwendigkeit. Als w?re es eine Suche tief in ihm verborgen. Lucien bewegte sich, noch bevor sein Verstand es bewusst befohlen hatte, gelenkt von seinem Instinkt. Seine Schritte wurden schneller, zielgerichteter. Er war ein J?ger, ein Raubtier und sie war seine Beute. Sein Blick war scharf, sein K?rper angespannt wie ein Bogen kurz vor dem Schuss. Er hatte ihre Spur aufgenommen und nichts, absolut nichts würde ihn aufhalten, ihr zu folgen.
Kaum war Lucien in den Gang eingebogen, h?rte er ged?mpfte Stimmen. Dann ein ersticktes Keuchen. Ein kalter Schauder fuhr ihm über den Rücken und ein instinktives Wissen, etwas geschah mit ihr. Er beschleunigte und seine Schritte hallten wie Trommelschl?ge durch das Gem?uer. Um die n?chste Ecke biegt er ab und blieb abrupt stehen. Was Lucien dort sah, lie? ihm das Blut in den Adern gefrieren. Ein hochgewachsener Mann kniete auf dem Boden. Direkt auf etwas... nein, auf jemandem. Luciens Blick glitt nach unten und traf auf schneewei?es Haar, welches um ihren K?rper ausgebreitet war.
Die Elfe.
Der Mann hatte sie im Würgegriff und Lucien erkannte diese Person sofort. Diese hohe, bedrohliche Gestalt. Dunkelbraunes, vom Wind zerzaustes Haar. Und er wusste genau, wie er von vorne aussah. Die lange Narbe, die sich unter seinem rechten Auge entlangzog, lie? seine kastanienbraunen Augen nur noch t?dlicher wirken. Kein Zweifel, es war sein Bruder Alastar. ?Alastar, lass sie los!“ Luciens Stimme war ein grollendes Knurren, seine Augen brannten in goldener Glut. Jeder Muskel spannte sich, bereit zur Explosion. ?Geh sofort von ihr runter.“ Seine Worte scharf wie Messerklingen.
Langsam hob Alastar den Kopf, und seine kastanienbraunen Augen funkelten wie gefrorene Splitter im Schein eines t?dlichen Feuers. Kalt. Unbarmherzig. Gef?hrlich. ?Diese Frau ist in unser Heim eingedrungen“, sagte er kalt. ?Und sie ist eine Elfe.“ Sein Blick senkte sich wieder auf die Frau unter ihm und sein Griff verst?rkte sich. ?Sie ist eine verdammte Spionin.“
Lucien dachte nicht nach und er sah nur noch rot. Sein Drache brach aus ihm heraus. Er stürzte sich auf Alastar, riss ihn mit brutaler Wucht von ihr herunter. Der Aufprall gegen die Wand war heftig, und noch bevor Alastar sich sammeln konnte, verpasste Lucien ihm einen krachenden Kinnhaken. ?Wenn ich dir sage, du sollst sie loslassen, dann TUST du das auch“, fauchte Lucien. Seine Drachenz?hne blitzten gef?hrlich auf, w?hrend er Alastar am Kragen packte und ihn erneut gegen die Wand schleuderte.
?Bist du vollkommen übergeschnappt?“ Alastar versuchte, sich zu befreien, aber Luciens Griff war unerbittlich. ?Hast du nicht gesehen, wie sie sich hier eingeschlichen hat?“
Ein Husten und dann ein R?cheln. Lucien fuhr unbewusst zusammen.
Die Elfe.
Lucien lie? Alastar los, als h?tte er sich verbrannt, und drehte sich augenblicklich zu ihr um. Er kniete sich neben sie, als er sie mit wenigen Schritten erreicht hatte. Sein Herz raste unnatürlich schnell in seiner Brust. Ihre Haut war erneut bleich und ihr Atem ging flach. Sein Blick glitt über ihr sch?nes Gesicht und eine wilde Mischung aus Schuld, Zorn und Panik flackerte in seinen Augen auf.
?Ich habe sie mitgebracht“, antwortete Lucien beil?ufig, ohne Alastar wirklich zu beachten oder die anderen Anwesenden. Seine gesamte Aufmerksamkeit galt nur allein ihr. Er kniete neben ihr, redete auf sie ein und doch sie reagierte kaum. Jeder Atemzug schien ihr Qualen zu bereiten.
?Was hast du da gerade gesagt? Du hast sie hergebracht?“ Alastars Stimme war ein Brüllen. Weitere Stimmen drangen durch den Flur, doch Lucien ignorierte sie. Er wusste, was es bedeutete, jemanden Fremden in ihr Reich zu bringen. Erst recht eine Elfe, da nur ihr Verschwinden bekannt war. Niemand durfte das Schloss betreten, der nicht ausdrücklich eingeladen oder vertraut war. Es war ein Versto?, ein Verrat an ihren Regeln. Doch es war ihm egal. Er hatte die Kontrolle und er würde sie im Griff behalten. Wenn es sein musste mit seinem Feuer oder seinem Willen.
Lucien sprach hartn?ckig weiter auf sie ein, doch sie schien ihn kaum wahrzunehmen. Vorsichtig streckte er seine rechte Hand nach ihr aus und sie schlug sie weg. Der Ausdruck in ihren silbernen Augen brannte sich tief in ihn ein.
?Fass... mich nicht an“, kr?chzte sie und ein stummer Schrei, den sie nicht aussprechen konnte. Ihre Stimme war heiser, jedes Kr?chzen ein einziger Schmerz.
Fluchend versuchte Lucien es erneut, doch wieder stie? sie ihn zurück. Sie kroch von ihm weg, wollte sich von der Wand hochdrücken. Ihre Knie gaben nach und sie sackte wieder zusammen. Da konnte er nicht l?nger zusehen. Es war ihm egal, ob sie sich weiter wehrte. Er musste ihr helfen und weil sein Drache ihn dazu dr?ngte. Er tobt wie ein wilder Feuersturm in ihm. Behutsam legte Lucien eine Hand auf ihren Rücken, drückte sie leicht nach vorne. Sie lie? es geschehen. Nicht aus Vertrauen, sondern weil sie keine Kraft mehr hatte. Das traf ihn h?rter, als er zugeben wollte. ?Beruhige dich“, sagte er leise, fast beschw?rend. ?Atme tief durch. Es wird gleich besser.“ Lucien bündelte die W?rme seines inneren Feuers, leitete sie durch seine Hand in ihren K?rper. Die Hitze sollte ihre Atemwege entspannen, ihr Erleichterung bringen. Langsam, aber spürbar besserte sich ihr Zustand. Ihre Schultern zitterten und sie rang gierig nach Luft. Er erkannte die Hyperventilation und der Schock traf sie erst jetzt in voller Wucht. ?Geht es wieder?“, fragte Lucien sanft nach und erstaunt, wie feinfühlig seine Stimme klingen konnte. Die Frau vor ihm z?gerte erst, aber nickte dann. Erleichterung durchstr?mte ihn. Lucien hob den Kopf, sein Blick wanderte zu Alastar und zu den anderen, die sich mittlerweile versammelt hatten. ?Ich sage es euch allen jetzt ganz deutlich“, begann er mit kalter Entschlossenheit. ?Sollte dieser Frau noch einmal etwas zusto?en, werde ich dafür sorgen, dass derjenige Rechenschaft ablegt. Sie geh?rt mir.“
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?Was zum Teufel verteidigst du sie?“ Alastar zeigte wütend auf die Elfe, doch sein Blick galt nur Lucien. Die Elfe neben ihm erstarrte, weil er es spüren konnte. Lucien sah, wie sie sich bewegte und langsam umdrehte. Ihre Hand lag auf dem schmerzenden Hals, doch sie blickte seinem Bruder direkt in die kalten Augen. Mut. Starrsinn. Trotz dieser Situation. Kaum jemand wagte es, Alastar so anzusehen. Schon gar nicht, wenn er wütend war, denn Alastar war kein gew?hnlicher J?ger. Er jagte seinesgleichen. Drachen, die abtrünnig geworden waren, eine Gefahr für ihre Art. Er war geboren für das T?ten. Mitleid war ihm fremd. Freundschaften ebenfalls. Wer einmal seine Spur trug, entkam ihm nicht.
Lucien knurrte tief. ?Kümmer dich um deinen eigenen Dreck, Alastar. Und ich warne dich, rühr sie noch einmal an und ich rei?e dir pers?nlich den Kopf ab.“
Ein gef?hrlicher Blick flackerte zwischen ihnen beiden auf. War das gerade … überraschung in Alastars Augen? Doch sein Bruder sagte nichts. Keinen Ton. Absolute Stille. Dann drehte Alastar sich um und verschwand einfach. Ein ungutes Gefühl kroch in Lucien hoch. Dies war nicht die Art seines Bruders. Etwas stimmte nicht.
Hinter ihm bewegte sich die Elfe. Sie wollte sich befreien und schüttelte seine Hand auf ihrem Rücken ab, als würde sie sich an ihm verbrennen. ?Dir wird nichts mehr passieren“, sagte er und wollte sie beruhigen.
Sie schnaubte. ?Bl?dsinn“, kr?chzte sie heiser, aber aufrecht. Mit erstaunlicher Kraft stand sie auf. Lucien tat es ihr gleich und sah, wie ihre silbernen Augen den Flur absch?tzte und er sah, wie vereinzelte wei?e Str?hnen ihr ins Gesicht fielen. Seine beiden Brüder Lodan und Taran, sowie seine Schwester Ysera sahen ihn mit offenen und neugierigen Augen an. Die W?chter Péer und Mike standen daneben. Seine Geschwister. Seine Vertrauten. Sie hatten alles gesehen.
?Da hast du eine sch?ne Lunte gezündet, Bruderherz“, warf Ysera trocken ein. ?Alastar wird das nicht auf sich sitzen lassen.“
Lucien nickte knapp. Sie hatte recht. Er hatte ihn vor allen blo?gestellt und das war ein Affront. Alastar würde zurückschlagen. ?Das werden wir sehen“, murmelte Lucien. Dann wandte er sich an alle. ?Und für euch gilt das Gleiche, Finger weg von ihr. Verstanden? Das gilt für jeden hier.“
?Ja ja“, kam Lodan g?hnend. ?Wir haben es verstanden, aber ich glaube, deine Begleitung verzieht sich gerade.“ Deutete sein jüngerer Bruder an ihm vorbei.
Was? Lucien fuhr blitzartig herum und tats?chlich, die Elfe wollte sich von ihm entfernen. Sofort war er bei ihr. ?Wo willst du hin?“, fragte er, sich neben sie stellend, aber sie ignorierte ihn weiterhin. Das reichte ihm. Er packte sie am Oberarm und zog sie grob zurück. Sie wand sich, versuchte zu entkommen und doch Lucien hielt sie fest. Wut flackerte in ihm auf. Sie verga? wohl, wo sie war.
Gerade wollte Lucien warnend auf knurren, da bemerkte er die dunkle Verf?rbung an ihrem Hals. Ein gewaltiger Bluterguss. Es war der Abdruck von Alastars Griff. Lucien erstarrte augenblicklich und lie? sie los. Etwas in ihm verrutschte. Zum ersten Mal fühlte er… Schuld? Er kannte dieses Gefühl nicht und er wusste nicht, wie man damit umging. Er wollte es auch nicht fühlen. Nicht jetzt. Nicht bei ihr. Er musste sich wieder fangen und er musste sie erneut auf Abstand halten. Sie war die Diebin. Die, die ihm etwas Wertvolles gestohlen hatte.
Lucien ?ffnete seinen Mund, wollte ihr klarmachen, wer hier das Sagen hatte... Da erklang eine tiefe, gut gelaunte Stimme hinter ihm. ?Hey Leute, was geht hier eigentlich ab?“
Lucien verstummte und er drehte sich halb um. Automatisch stellte er sich leicht vor der Elfe, als wolle er sie … schützen?
?Du bist zurück, Aiden?“, sagte Lucien überrascht.
?Wieso so überrascht?“, lachte Aiden mit aufrichtiger Herzlichkeit. Dieser Drache z?hlte zu Luciens wenigen echten Freunden. Bekannt für seine offene Art und seine Loyalit?t. Er war nicht nur ein ausgezeichneter Krieger, sondern auch ein verl?sslicher Offizier in der Garnison von Luciens jüngerer Schwester Charia. Seine gebleichten Haare lie?en seine blauen Augen noch intensiver wirken und ein klares Zeichen seiner Herkunft als Luftdrache. Die sonnengebr?unte Haut und seine massive Gestalt verdankte er zahllosen Streifzügen und K?mpfen. Aiden war kein Gegner, den man untersch?tzen sollte. ?Der Plan ist besser aufgegangen als erwartet. Deine Schwester wei? eben, wie man Truppen führt. Sie wurde dafür geboren. Doch leider haben wir auch eine wichtige Spur verlo...“ Er brach abrupt ab. Lucien bemerkte sofort die Ver?nderung in Aidens Ausdruck. Es war, als h?tte er ein Gespenst gesehen. Seine Augen hafteten an der Gestalt hinter Lucien. ?E... Emmanline? Bist du das?“, fragte Aiden z?gernd, aber mit zunehmender Gewissheit.
Lucien drehte leicht den Kopf zu ihr. Emmanline? War das ihr Name. Er stockte in seiner Haltung. Er hatte sie mit in sein Reich genommen, sie berührt, beschützt, bedroht und niemals gefragt, wer sie überhaupt war.
?Bei den heiligen G?ttern... du bist es wirklich.“ Aidens Stimme überschlug sich fast vor Erleichterung, als er mit schnellen Schritten auf sie zutrat, sie an den Schultern packte und fest in die Arme zog. Ein unkontrollierbares Gefühl brannte in Lucien auf, welches wild, hei? und gef?hrlich war. Besitzgier. Wut. Sein innerer Drache schrie nach Kontrolle. Niemand hatte das Recht, sie so zu berühren. ?Du glaubst nicht, welche Sorgen ich mir gemacht habe. Wieso bist du damals einfach verschwunden?“ Aiden hielt sie noch immer, sprach zu ihr, als w?re sie etwas Verlorenes, Kostbares und... seins.
Lucien sah, wie Aidens gro?e H?nde vertraut auf ihren Schultern ruhten. Er bemerkte sofort den silbernen Trotz in ihren Augen und sie sagte nichts.
Aiden trat einen Schritt zurück, irritiert. ?Verdammt, was ist passiert? Wer war das?“, fragte er, w?hrend er ihre Hand ergriff. Jene Hand, die sie schützend über ihren Hals gelegt hatte. Lucien verengte seine Augen. Die dunklen Würgemale waren nicht zu übersehen.
?Alastar war der übelt?ter“, kam Yseras Stimme kühl dazwischen.
?Wo ist er?“, fauchte Aiden. Seine Augen flackern gef?hrlich.
?Er ist schon weg und ich habe bereits klar gemacht, dass ihr niemand mehr zu nahe kommt. Keiner.“ Luciens Stimme war tief, bedrohlich, sein Blick scharf wie ein Schwert. Doch kaum hatte er sich wieder Emmanline zugewandt, riss Aiden sie unerwartet hinter sich, eine schützende Geste, die Lucien nicht akzeptieren konnte. Ein Knurren entwich seiner Kehle, dumpf und drohend. Er trat n?her, sein K?rper spannte sich. ?Was soll das werden?“, zischte er, seine Stimme war kaum noch menschlich. ? Sie geh?rt mir .“

