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20. Lucien

  Was war da eben passiert?

  Diese schiere, nackte Panik in ihren Augen war so roh, so rein, dass sie bis ins Mark schnitt. Lucien hatte viele Gesichtsausdrücke gesehen, in unz?hligen Leben und Schlachten, doch dieser Ausdruck war reine H?llenangst. Für einen winzigen, kostbaren Moment war er wie gel?hmt. Für einen Augenblick war er zutiefst schockiert gewesen und sein Drache hatte sich bei diesem Anblick sofort zurückgezogen, als er etwas Tiefgründiges spürte. Als müsste er sich instinktiv zurückziehen, weil er etwas Wichtiges verlieren würde. Oder gar zerst?ren.

  Lucien riskierte einen Seitenblick auf sie, w?hrend er sie zu seinem H?hlenausgang leitete. Gerade vermochte diese Elfe wieder einen Teil ihrer selbst zurückgefunden zu haben, aber etwas stimmte nicht mit ihr. Er hatte gesehen und gespürt, als ein Wesen um sein überleben k?mpfen musste und was es bedeutete, auf der Flucht sein zu müssen . Sie hielten sich gerade, stolzer als noch vor wenigen Augenblicken. Doch er sah und empfand es. Etwas in ihr war verschoben. Nicht zerbrochen. Noch nicht, aber der Riss war da. Lucien hatte sie nicht angefasst, bedroht oder... Was zum Teufel hatte sie gesehen, als sie ihn ansah? War ihr angetan worden, dass sie in einen solchen Zustand versetzt wurde? Eines wusste Lucien definitiv, es hatte mit seiner eigenen Rasse zu tun und es machte ihn rasend vor Wut. Ja, Drachen waren grausam und gefürchtet, aber sie versetzten nie andere Wesen in solch einen Angstzustand und hinterlie?en ein traumatisches Erlebnis. Auch sie besa?en etwas wie Ehre und Stolz, w?hrend sie keine Wehrlosen qu?lten und auf eine psychische Art und Weise folgten, sodass sich ihr komplettes Sein ver?nderte.

  Am liebsten h?tte Lucien laut auf geknurrt, doch er zwang sich, sein animalisches Verlangen im Zaum zu halten. Zumindest für den Moment. Doch schon dr?ngte sich das n?chste Problem auf. Ihm blieben vielleicht noch zweieinhalb Tage, bis er vor den Rat der Engel treten musste. Und er hatte nicht den blassesten Schimmer, wie lange dieses Treffen dauern würde. Genau das machte die Situation so heikel und kompliziert, weil er nicht mit Sicherheit sagen konnte, wann er zurückkam, blieb ihm keine andere Wahl, als eine unüberlegte Entscheidung zu treffen. Er konnte die Elfe unm?glich alleine zurücklassen. Nicht nach allem, was ihr bereits widerfahren war. Erstens, ihr pl?tzlicher und unerkl?rlicher Tod, der ihm noch immer wie ein R?tsel erschien. Zweitens, ihre ebenso mysteri?se Flucht aus seinem Kerker. Wie sollte er da ruhig fortgehen, ohne zu befürchten, dass sie erneut eintreffen würde? Unm?glich , musste Lucien sich eingestehen.

  Auch blieb ihm keine andere Wahl, als diese Elfe mit ins Schloss zu nehmen. Es war der einzige Ort, an dem sie lückenlos überwacht werden konnte und umgeben von wachsamen Blicken, die keinen Fehltritt übersahen. Diesmal würde sie nicht einfach verschwinden k?nnen, ohne dass jemand es bemerkte. Natürlich würde seine Mutter toben, sobald sie davon erfuhr. Kein Au?enstehender durfte das Schloss ohne ausdrücklichen Erlass betreten. Doch stirbt war ein Ausnahmefall. Einer, für den Lucien bereit war, sich gegen alles und jeden zu stellen. Selbst gegen seine eigene Mutter. Insgeheim gefiel ihm der Gedanke sogar, dass diese Frau, diese geheimnisvolle Elfe, sein zukünftiges Zuhause mit ihrer Pr?senz erfüllte. Es hatte etwas... Verführerisches.

  Endlich am Ausgang seiner H?hle angekommen, hob Lucien den Blick zum Himmel. Ein weiterer strahlender Tag erwartete ihn und die Sonne stand hoch über den Baumwipfeln, w?hrend warmes Licht über das Land fl?tete, und nur ein paar wei?e Wolken zogen tr?ge am Blau vorbei. Es war kaum Wind zu spüren. Perfekte Bedingungen zum Fliegen. Sein innerer Drache regte sich ungeduldig, dr?ngte nach Freiheit, und es juckte ihn in die Flügel, sie endlich auszubreiten und sich in die Lüfte zu erheben. Auch wenn der Weg derselbe war wie am Tag zuvor, aber das spielte keine Rolle.

  Heute war ein perfekter Tag, um seinem Drachen freien Lauf zu lassen.

  Die Elfe neben ihm schien genau zu wissen, was nun kommen würde und das Lucien sie in seiner Drachenform mitnehmen wollte. Sofort wehrte sie sich hysterisch und versuchte zu fliehen. Mit einer gezielten Handlung und weil er es geahnt hatte, schlang er einen Arm um ihre Taille. Nahe zog er sie an seinen massiven K?rper heran und blickte kritisch auf sie herab. Ihr Herzschlag erh?hte sich und ihr Geruch ver?nderte sich schlagartig. Panik ergriff sie erneut und es sickerte durch jede ihrer Poren. Im Inneren knurrte sein Drache vor Wut auf. War war nur los mit ihr? Hatte sie eine Heidenangst vor dem Fliegen? Oder H?henangst?

  ?Nein...“, keuchte sie panisch, ihre Stimme schwankte, und ihr ganzer K?rper spannte sich an, als würde sie sich selbst in die Angst hineinsteigern. ?Ne... nein... bitte“, wimmerte die Elfe in seinen Armen, w?hrend sie zu zittern begann.

  Wie sehr es ihm und seinem Drachen widerstrebte, ihr das aufzuzwingen, doch Lucien konnte keine Rücksicht nehmen. Der Weg durch die Luft war der schnellste und allermal schneller als jeder Schritt zu Fu?. ?Keine Sorge, ich werde dich nicht fallen lassen“, sagte er mit einem Anflug von Sanftheit. Moment, versuchte er sie gerade ernsthaft zu beruhigen? Unm?glich, warum sollte er?

  ?Nein... alles, nur das nicht...“, flüsterte sie mit panischer Stimme. Ihre Gegenwehr wurde heftiger. Sie traten, kratzten und wandten sich in seinen Armen wie eine wilde Furie.

  ?Wovor hast du solche Angst? Wenn ich dich h?tte fallen lassen wollen, h?tte ich es schon beim ersten Mal getan“, knurrte Lucien leise und frustriert. Doch für sie war das Offenlegung kein Trost.

  Zappelnd und unkontrolliert wehrte sie sich gegen seinen Griff. ?Das klingt überhaupt nicht... beruhigend. überhaupt nicht.“ Ihre Stimme war heiser, voller Panik. Keine Sekunde lie? sie in ihrer Defensive nach.

  Lucien fluchte innerlich. Ihm blieb keine andere Wahl, er musste seine Drachenmagie einsetzen. Eine Kraft, die bisher vermieden wurde, weil sie unvollst?ndig war. Der kurze Unterricht bei seiner Gro?mutter in seiner Kindheit war nie mehr als ein Bruchstück gewesen. Und doch... jetzt blieb ihm keine andere M?glichkeit, als sie im tiefen Schlaf zu versetzen. Wenn sie so weitermachte, würde sie nur versehentlich verletzt werden und genau das wollte er verhindern. Warum eigentlich? Weil er sie tot in seinem Bett gefunden hatte? Weil er diesen Anblick kein zweites Mal ertragen konnte oder weil er darüber keine Verantwortung tragen wollte? Oder weil er tief in sich das Bedürfnis verspürte, ihr keinen Schmerz mehr zuzufügen, aus Gründen, die er sich selbst nicht erkl?ren konnte? Schlussendlich war es ein einziger, intensiver Drang, er wollte sie nicht verletzen. Auf keine Weise. ?Dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig“, murmelte Lucien, gereizt und doch h?rbar widerwillig. Seine rechte Hand legte sich sanft auf ihre Stirn, w?hrend sein linker Arm weiterhin ihre Taille umschloss und sie fest an seinen K?rper drückte. Doch die N?he war alles andere als angenehm und sie brannte. Deine Bewegungen, ihr K?rper an seinem... es qu?lte ihn. Auf eine Weise, der gef?hrliche Krieg. Verführerisch gef?hrlich. ?Schlaf“, flüsterte er heiser, w?hrend Lucien seine Drachenmagie durch seinen K?rper lenkte. Konzentriert und vorsichtig. Die Energie sammelte sich in seinem Arm und entlud sich in einer sanften Welle, die zu ihr hinüberglitt.

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  ?Wie? Was meinst du...“, begann sie, ihre Stimme zitterte vor Unsicherheit und dann verstummte sie. Mit einem Mal erschlaffte ihr K?rper. Verflucht, so hatte er sich das nicht vorgestellt.

  Sanft fing Lucien sie auf, als sie bewusstlos in seinen Armen sank. Ihr Gewicht war nichts, das ihn forderte, doch der Moment wog schwerer, als er sollte. Lucien hielt den Atem an und lauschte. Da war er, ihr Herzschlag, der flach, aber regelm??ig ging. Erleichterung rauschte durch ihn, obwohl er es sich nicht eingestanden hat. Er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, nach diesem Rhythmus zu horchen. Nicht, weil es n?tig war, sondern weil er es noch nicht einmal erleben wollte. Diesen Anblick und diesen leblosen K?rper in seinem Bett. Nie wieder.

  Leicht drehte Lucien sie in seinen Armen um und betrachtete sie intensiv mit seinen goldenen Augen. Es war ein beruhigendes Gefühl, wenn er seinen Brustkorb auf und ab bewegte. Ein Zeichen, sie war am Leben. Sanft strich er eine wei?e Haarstr?hne aus ihrem Gesicht, die sich dahingehend verirrt hatte. Dabei erwischte Lucien sich selbst, wie er liebevoll mit seinen Fingerrücken über ihre zarte Wange strich. Erschrocken und als h?tte er sich, zog er blitzartig seine Hand zurück, nur um danach ein wütendes Knurren von sich zu geben. Nein, er war nicht sanft und liebevoll.

  Ohne weiter zu z?gern und um wirren Gedanken zu entfliehen, verwandelte sich Lucien in einem einzigen, flie?enden Moment in seine monstr?se schwarze Drachengestalt. Sein gewaltiger Sch?del senkte sich, und mit glühenden Augen musterte er die schlafende Elfe, die in seiner linken Vorderklaue lag. Wie leicht w?re es, sie mit einem einzigen Ruck zu zerquetschen und doch hielt er sie fest, als w?re sie etwas Kostbares. Etwas, das es zu beschützen galt.

  Mit einem kr?ftigen Sprung stie? Lucien sich von der Klippe und breitete seine m?chtigen ledrigen Flügel aus. Der Wind riss an ihm, doch mühelos erhob er sich in die Lüfte. Tausende Gedanken wirbelten durch seinen Kopf. Immer wieder glitt sein Blick verstohlen hinab zu der Elfe in seinen Klauen. Sie ruhte dort, eng an seinen warmen, schuppigen K?rper gepresst. Lucien sorgte dafür, dass seine Drachenhaut W?rme ausstrahlte, und nur für sie, denn in dieser H?he war die Luft kalt, bei?end und gnadenlos. Zu zart, wie sie war... Viel zu zart für diese Welt und für diesen Flug. Vielleicht tat er es, weil er wusste, wie sehr sie diesen Flug fürchtete. M?glicherweise, weil er sich nicht eingestehen wollte, dass er eben doch kein herzloser Bastard war.

  Lucien stieg h?her. Der Wind strich ihn unter die Flügel, und unter ihm dehnte sich die Welt aus Grün, Weite und Friedlichkeit. Hier oben fühlte er sich frei und sein innerer Drache brummte zufrieden, aber glücklich war er nicht. Ein Teil von ihm, tief in seinem Kern, wollte er dieser Elfe diese Welt zeigen. Diese Sch?nheit und diese unendliche Freiheit. Doch sie fürchtete den Himmel und sie fürchtete ihn. Solange das so war, musste Lucien diesen Wunsch tief in sich vergraben. Dabei war ihre Angst unbegründet. Er würde sie niemals fallen lassen. Nicht sie. Nur seine Feinde stürzten aus dieser H?he und die es wirklich verdient hatte.

  Erst nach einer Weile erkannte Lucien das Schloss in der Ferne. Zum ersten Mal in seinem Leben konnte er es kaum erwarten, dort anzukommen. Seit wann verspürte er dieses Verlangen, zurückkehrte? Früher hatte er alles darangesetzt, diesen Ort zu meiden und zu schwer wog die Verantwortung, die ihn dort erwartete. Zu früh, um den Thron zu besteigen und zu früh, um seine Freiheit zu verlieren.

  Lucien landete mit donnerndem Aufprall auf dem Hauptplatz. In einer flie?enden Bewegung nahm er seine menschliche Gestalt an und die Elfe war sicher in seinen Armen. Er prüfte sie mit einem schnellen Blick. Sie war unverletzt und noch immer in einen tiefen Schlaf versetzt. Der Flug hatte ihr nichts angetan. Als er aufsah, fiel sein Blick auf eine hochgewachsene Gestalt am Schlosseingang.

  Seine Mutter.

  Wie eine lebendig gewordene Statue aus K?lte und Macht stand sie da, das lange, dunkelblaue Haar im Wind, die Arme streng vor der Brust verschr?nkt. Ihre violetten Augen bohrten sich feindselig in die schlafende Gestalt in seinen Armen. ?Wer ist das?“ Ihre Stimme war ruhig, aber durchdrungen von Misstrauen.

  Natürlich stellte sie diese Frage. Keine Fremden durften das Reich der Drachen betreten, wenn sie keine Genehmigung besa?en. ?Sie schuldet mir etwas. Sie hat etwas aus meinem Hort gestohlen“, sagte Lucien knapp. Seine roten Augen trafen die ihren glühend und entschlossen.

  Der Ausdruck in ihrem Gesicht gefror. ?Wie konnte jemand dich bestehlen?“

  ?Frag nicht“, knurrte er, als w?re es ein Befehl und keine Bitte.

  ?Warum bringst du sie hierher? Sie geh?rt nicht hierher.“ Ihr Blick verdunkelte sich, als würde allein ihre Pr?senz Schmutz ins Gem?uer tragen.

  In seinem Inneren regte sich sein Drache schützend und wachsam. ?Ich muss in zwei Tagen vor den Rat der Engel treten. Ich kann sie nicht allein lassen.“ Lucien knirschte mit den Z?hnen. Selbst er h?rte, wie schlecht seine Ausrede klang.

  ?Nicht mein Problem“, erwiderte seine Mutter kalt. ?Dann h?ttest du sie eben in einen deiner Kerker geworfen. Wie all die anderen deiner Opfer.“ Ihre Stimme war schneidend und voller Verachtung.

  Doch Lucien reagierte nicht auf den Stich. Nicht vor ihr. ?Es ist nicht so einfach“, entgegnete er mit einem angedeuteten, bitteren L?cheln und doch wusste er genau, es w?re unglaublich einfach. Aber er wollte nicht.

  ?Was genau soll daran so schwer sein?“ Ihre Augen verengten sich gef?hrlich. ?Ich will sie nicht in meinem Reich. Schon gar keine Elfe.“ Ein Knurren begleitete ihre Worte. ?Ich dachte, die Elfen w?ren seit dem Krieg ausgel?scht oder leben im Verborgenen zurückgezogen. Wo hast du diese überhaupt aufgetrieben?“

  Lucien spürte, wie sein Zorn aufstieg, und er hatte genug. ?Sie bleibt“, sagte er leise, aber unmissverst?ndlich. ?Mit oder ohne dein Einverst?ndnis. Ich brauche sie.“ Er schritt an ihr vorbei, die Elfe fest in seinen Armen. Er spürte ihren Blick in seinem Rücken brennen, aber er drehte sich nicht um.

  ?Wenn sie sich als Spionin entpuppt, wirst du die Konsequenzen tragen, Lucien. Und sollte sie uns Schaden zufügen, dann werde ich sie richten. Gnade den G?ttern, es wird kein schnelles Ende sein, bis ich sie t?ten werde.“ Ihre Worte hallten in ihm nach, lange nachdem sie verschwunden war.

  T?ten? So schnell würde Lucien es nicht zulassen, aber er bemerkte gerade seinen gr??ten und schrecklichsten Fehler. Lucien biss schmerzhaft seine Z?hne zusammen. Einen Fehler. Ein gewaltiger Fehler und er hatte sie in das Herz seines Volkes getragen. In ein Reich aus Feuer, Macht und uralten Gesetzen. Hier war jeder falsche Schritt t?dlich. Und doch, so seltsam es war, so gef?hrlich es sein konnte, er konnte sie nicht zurücklassen. Solange sie keine Anstalten machten und keine Gefahr bedeutete, musste er sich auch keine Sorgen machen. Oder?

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