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19. Emmanline

  Tief in ihrem Inneren brodelte es und ihr gefiel es nicht, in welche Richtung dieses Thema ging. Natürlich wusste Emmanline, wie neugierig Drachen waren und jedes Geheimnis lüften musste, welches ihnen auch nur vor die Fü?e geworfen wurde. Wie sollte es bei diesem Drachen auch anders sein? Es ?rgerte sie nur ma?los, dass keines dieser stürk?pfigen Wesen keinen Respekt besa?en und absolut kein Fingerspitzengefühl haben konnte. Absolut kein Feingefühl.

  Emmanline ignorierte sein Verhalten bewusst und widmete sich lieber dem Versuch, den widerlichen Geruch von sich zu l?sen, der wie eine zweite Haut an ihr klebte. Es war schon erstaunlich, dass dieser Drache sie überhaupt zu einer Wasserquelle gebracht hatte oder das ihm als wichtig erschien. Das würde sie ausnutzen, trotz der potenziellen Bedrohung neben ihr und weil sie seinen intensiven Blick auf sich spürte. Es brachte sie v?llig aus der Fassung und ihr Herz beschleunigte sich unnatürlich schnell. Was stimmt nicht mit ihr? Ja, sie verhielt sich bei diesen gef?hrlichen Kreaturen immer mit h?chster Vorsicht, aber bei ihm... sie wirkte in seiner Gegenwart einfach... anders. Anders konnte Emmanline im Augenblick dieses Gefühl nicht beschreiben.

  ?Kommen wir zu einer anderen Frage“, durchbrach seine Stimme die Stille, war seltsam ruhig, aber mit einem Unterton, den sie nicht deuten konnte. ?Wie hast du es geschafft, meinen Schutzzauber zu überwinden? Er liegt eigentlich wie eine Barriere über meinen Eing?ngen. Kein Eindringling kommt durch, ohne dass ich es sofort merke. Ich h?tte es spüren müssen. Eigentlich ist das unm?glich… Aber anscheinend habe ich mich geirrt.“ Sein Blick ruhte auf ihr, durchdringend, als würde er bis auf den Grund ihrer Seele blicken wollen. Eine G?nsehaut kroch über ihre Haut, doch es war keine Angst, die sie spürte.

  ?Ich kann dir nur die gleiche Antwort geben wie zuvor.“ Ihre Stimme klang sch?rfer als beabsichtigt. Gereizt vielleicht, weil sie sich selbst so machtlos empfand. ?Ich wei? es nicht.“ Sie holte tiefe Luft, zwang sich zur Ruhe. ?Ich erinnere mich nicht, warum ich den Rubin überhaupt gestohlen habe. Ich wei? nur noch, dass ich Rast an einem See habe. Und im n?chsten Augenblick… war ich auf der Flucht.“ Ihre Stirn legte sich in tiefe Falten, w?hrend ihre Gedanken in einem wilden Strudel nach Antworten suchten, die sie ihm geben konnte. Etwas Greifbares, womit sie auch irgendeinen Anhaltspunkt bekam. ?Ich wusste, dass ich mich im Gebiet eines Drachens bemerkbar gemacht habe und ich wollte mich so gut es ging unsichtbar machen. Das hat auch funktioniert. Zumindest dachte ich das.“ Ein bitterer Nachgeschmack lag auf ihrer Zunge. ?Aber dann, mit einem Wimpernschlag, war alles anders. Ich hatte deinen Rubin und keine Ahnung, wie es dazu kam.“ Langsam senkte sie den Blick. Ihr Spiegelbild im klaren Wasser schien ihr fremd. ?Ich verstehe auch deine Wut darüber und ich wei?, wie über behütet ihr Drachen gegenüber eurem Hort seid. Dafür seid ihr mehr als bekannt und was es für Konsequenzen hat, aber ich habe keinerlei Erinnerungen daran“, wurden ihre Worte stetig leiser und sie legten ihre H?nde auf ihren Scho?, die sich vor Anspannung spannten.

  ?Gut, nehmen wir mal an, ich glaube dir.“ Seine Stimme war ruhig, schnell beil?ufig, w?hrend er sich leicht zurücklehnte, und diesmal nicht aus Arroganz, sondern eher, als wollte er sie aus einer neuen Perspektive betrachten. Sie verstehen. ?Aber sag mir eines, woher wusstest du, dass du dich im Gebiet eines Drachen befindest?“

  Emmanline wandte ihm den Blick zu, ihre Stirn gerunzelt und sah ihn irritiert an. ?Ich finde, das ist nicht besonders schwer zu erraten. Drachen haben eine sehr eigene Aura und einen ausgepr?gten Sinn für Ruhe und Abgeschiedenheit.“ Sie holte kurze Luft. ?Es gab keinerlei Anzeichen für anderes Lebewesen, au?er den Tieren des Waldes. Kein unnützer L?rm, keine Spuren von Siedlungen. Und dieser Berg…“ Ihr Blick glitt zu ihm und für einen Moment musterte sie seine m?chtige Gestalt, aber zwang sich jedoch, seine Nackte halbeheit zu ignorieren. ?…der war mehr als deutlich. Ich habe mich offensichtlich nicht geirrt.“

  Ein amüsiertes L?cheln umspielte seine Lippen, w?hrend seine Schüler sich zu schmalen Schlitzen verengten und das Gold in seinen Augen glühend aufflackerte. ?Das best?tigt meine Vermutung, du hast schon einmal pers?nliche Bekanntschaft mit einer meiner Art gemacht. Vermutlich keine gute Bekanntschaft. Nicht wahr?“ Deine Kiefermuskeln spannten sich an. Wenn er wüsste… Aber sie würde ihm nichts sagen. Nichts, was sie nicht bereit war, preiszugeben. ?War es?“ Seine Stimme war schnell neugierig, als würde ihn das tats?chlich interessieren. Emmanline wusste es besser. ?Vielleicht kenne ich ihn oder sie.“ Sie schwieg und starrte ihn an, als sie mit Blicken eine Mauer zwischen ihnen errichten k?nnte. Nichts kam über ihre Lippen. Ihr Innerstes verkrampfte sich und eine K?lte legte sich wie ein Schleier über sie. ?Warum verr?tst du es mir nicht?“, fragte er schlie?lich, eine schwarze Braue leicht gehoben.

  Emmanline wandte sich von ihm ab. Sein Blick war ihr zu viel. Zu durchdringend, zu fragend und zu nah an dem, was sie nie wieder ?ffnen wollte. ?Was interessiert es dich?“ Deine Stimme war leise, aber fest. ?Ihr Drachen seid nicht gerade für eure Freundlichkeit bekannt. Und Mitgefühl für andere V?lker liegt euch nicht wirklich im Blut. Also kann es dir v?llig egal sein.“

  Seine Arme schnellten vor, noch bevor Emmanline reagieren konnte, und im n?chsten Augenblick lag sie unter ihm. Ein überraschter Aufschrei entwich ihren Lippen, ihre Augen weiteten sich vor Schock, w?hrend ihr K?rper abrupt auf dem Boden landete. Seine massive Gestalt presste sich über sie, sein Gewicht kaum spürbar, doch seine Pr?senz überw?ltigte alles. Die feurigen, goldenen Drachenaugen glühten, als sie sich in ihre bohrten. Fordernd, wild, und ohne dieses amüsierte Funkeln, das sie zuvor noch gesehen hatte. Stattdessen trug sein Blick nun die Maske eines lodernden Unmuts. ?Das sollte wohl auch meine Sorge sein“, knurrte er mit bedrohlich tieferer Stimme, w?hrend seine spitzen Drachenz?hne provokant aufblitzten. ?Ich habe dir nur eine einfache Frage gestellt.“ Seine H?nde ?ffneten sich links und rechts neben ihrem Kopf ab, bannend wie ein K?fig aus Macht, W?rme und einem dunklen Hunger, der flackernd hinter seinen Augen verbrannte. Es war nicht nur Wut. Es war etwas Tieferes. Etwas Uraltes. Etwas, das knurrte, bebte und kaum geb?ndigt werden konnte. Er blickte auf sie hinab, auf ihre Lippen, ihren Hals, als s?he er etwas, das ihn an den Rand des Selbstverlustes brachte. Seine Augen verrieten es, diesen unausgesprochenen Hunger. Kein Hunger nach Fleisch, sondern etwas viel Ursprünglicherem. Emmanline erkannte ihn sofort. Dieser Blick. Dieser Instinkt. Dieses Verlangen. Dieser Drache wollte sie. Nicht nur berühren. Nicht nur besitzen. Er wollte sie verschlingen. Auf eine Art, die ihr gef?hrlich vorkam... und auf eine Art und Weise, die sie zugleich erschreckte und in den Bann zog.

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  Ihr Herz schlug unregelm??ig in ihrer Brust. Nicht wie ein kraftvoller Rhythmus, sondern wie ein panisch gewordenes Pferd, das keinen Halt und Ruhe fand. Etwas in ihr erwachte. Etwas Altes. Ein Instinkt, tief verwurzelt in der Seele eines Wesens, das wusste, wann es fliegen musste. Dieser Drache war keine blo?e Bedrohung. Er war ein Sturm, ein Abgrund, eine Suche und ihr Innerstes schrie auf, sie solle rennen, bevor sie fiel. Denn fiel sie einmal, gab es kein Zurück mehr.

  ?Geh... runter von... mir“, keuchte Emmanline. Deine Stimme war kaum mehr als ein heiseres Flüstern, gehetzt, als würde ihr die Luft knapp. Panik flackerte in ihren weit aufgerissenen Augen, w?hrend sie sich mit beiden H?nden gegen seine hei?e, harte Brust stemmte. Sie ignorierten die Funken, die sich bei jeder Berührung über ihre Haut ergossen, als sie sie verh?hnen wollten.

  Für den Bruchteil einer Sekunde ver?nderte sich etwas in seinem Blick. Seine goldenen Drachenaugen weiteten sich vor Schock, schnell so, als h?tte sie ihn verletzt. Dann, wie ein gefallener Schleier kehrte die K?lte zurück. Ausdruckslos, kontrolliert und unergründlich. Ohne ein weiteres Wort drückte er sich hoch, l?ste sich von ihr und wandte sich ab. Einfach so. Und doch... der Moment hing noch in der Luft, schwer wie Rauch. Unausgesprochen. Unverbraucht, aber keineswegs vorbei.

  Schwer atmand lag Emmanline auf dem kalten Boden, unf?hig, sich zu regenerieren. Ihr Blick klebte an der felsigen Decke über ihr, starr und flackernd wie das gehetzte Auge eines Rehs, das dem Raubtier zu entkommen versuchte. Ihre Brust hob sich und senkte sich flach. Zu flach und jeder Atemzug schnitt wie ein Messer durch sie hindurch. Sie spürte, wie das Raubtier in ihm sich zurückzog, wie seine Pr?senz leiser wurde. Aber es war immer noch da. Lauernd und zu nah an ihr dran. Nur mit gr??ter Willenskraft gelang es ihr, ihre innere Panik zu z?hmen.

  ?Wa… warum?“, stie? sie tonlos hervor, das Wort kaum mehr als ein Schatten auf ihren Lippen. Doch sie brachte es nicht über sich, ihn anzusehen, weil sie zu sehr Angst hatte, was sie sehen würde.

  ?Weil mir danach ist. Und weil ich es kann“, knurrte der Drache, ein Laut, der sich tief in ihr festsetzte. Seine Stimme hallte an den steinernen W?nden breiter und legte sich wie ein dunkles Echo in ihr Bewusstsein. Immer und immer wieder.

  Weil mir danach ist. Und weil ich es kann.

  Sie verstehen. Oh, sie versteht es sehr genau. Er war das Raubtier und sie… sie war die Beute. Gefangen, gebrochen und schon in seinen Klauen gefangen.

  Langsam richtete Emmanline sich auf, ihre H?nde stützten sie auf dem kalten Stein ab, w?hrend ihre Beine leicht zitterten. Wortlos setzte sie sich an den kleinen Fluss zurück und lie? ihre Fingerspitzen über die Oberfl?che gleiten, w?hrend sie in ihrem eigenen Spiegelbild sah. Ihr Gesicht wirkte fremd, grau, fahl und müde. Ersch?pft bis auf den Kern, und doch… sie fühlte sich nicht müde. Nicht so, wie man es sonst tut. Emmanline wusste, woher das kam. Die Energie in ihr war auf ein Minimum reduziert, kaum mehr als ein schwacher Glanz inmitten von Dunkelheit. Sie war ausgeh?hlt, leer, nur noch ein Hauch von sich selbst. Und doch wagte sie es nicht, sich auszuruhen. Nicht jetzt. Ihr Instinkt schrie nach Wachsamkeit, auch wenn ihr K?rper nach Schlaf flehte. Ruhe würde ihre Kraft schneller zurückbringen, aber Schlaf bedeutet Wehrlosigkeit. Und in der N?he eines Drachen war Wehrlosigkeit gleichbedeutend mit ihrem Untergang. Auch blieb sie wach. Sie k?mpfte gegen die Müdigkeit an, hielt sich mit dem kühlen Wasser wach und wusch den Schmutz und das Blut von ihrer Haut. Danach fühlte sie sich ein wenig klarer im Kopf. Der Drache hatte sie in Ruhe gelassen, keine Berührungen und keine provozierenden Worte. Noch nicht, aber sie wusste, es war nur eine Frage der Zeit. Sie mussten sich fangen. Jetzt und zwar schnell.

  ?Bist du fertig?“, fragte er und seine Stimme erklang hinter ihr, wie ein nahekommendes Unheil.

  Emmanline zuckte unwillkürlich zusammen. Erst nach einem Moment beschloss sie, sich umzudrehen. Z?gerlich begegnete sie seinem Blick. Nichts war aus seinem Gesicht zu lesen und keine Regung, kein Ausdruck. Eine steinerne Maske, kalt und unergründlich. Selbst sein massiver K?rper, der vor Muskeln strotzte, stand wie eine Mauer da, die nichts erschüttern konnte. Als k?nnte keine Macht der Welt ihn niederrei?en und seine sicheren Schritte, als er sich ihr wieder n?herte. Hart schluckte Emmanline, weil er für sie zu gro? und zu m?chtig wirkte, w?hrend sie wie die kleinste Ameise gegen ihn wirkte. Damit dieser Effekt nicht ganz so enorm war, rappelte sie sich blitzartig auf. Kurz darauf steht er nur vor ihr und starrt sie an, als suche er etwas. Als er auf etwas wartete und da kam es ihr wieder in den Sinn, das er ihr eine Frage gestellt hatte.

  ?Ja“, antwortete Emmanline schnell und ergab, weil sie ohnehin keine gro?e Chance gegen ihn hatte. Zumal erdrückte seine Pr?senz sie, wenn er ihr derma?en nahe war.

  Behutsam legte er einen Finger unter ihr Kinn und hob es an, als g?be er sich gerade die gr??te Mühe, sich zurückzuhalten. Ohne sich zu wehren, lie? sie seine Geste zu und war gezwungen, in seinen unergründlichen Augen zu blicken, die sie ausgiebig aufbrachten. ?Gut, es ist verschwunden“, meinte er nur nebenbei und lie? sie wieder frei, aber sie verstand nicht, was er meinte. War der Krieg verschwunden? ?Wir müssen jetzt auch los“, sagte er und es klang schnell wie ein Befehl, w?hrend er eine Hand auf ihren Rücken legte und sie langsam zum Ausgang leitete.

  ?Was?“, keuchte Emmanline auf und war verwirrt, w?hrend ihre Stimme eine Oktave h?her rutschte. ?Wohin?“, fragte sie nerv?s, weil sie ein ungemütliches Gefühl verspürte.

  ?Das wirst du schon sehen“, brummte er und drückte sie nur weiterhin durch das H?hlensystem.

  Oh ja, das gefiel ihr ganz und gar nicht. Wieso hatte sie das komische Gefühl, dass jetzt etwas passiert, was ihr überhaupt nicht gefallen würde?

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