Emmanline blickte direkt in scharfe, glühende goldene Augen, die sich gef?hrlich auf sie richteten. Im ersten Moment dachte sie, er würde vor ihr stehen, doch sie irritierte sich gewaltig. Er mochte das gleiche schulterlange Haar besitzen, aber von diesem Drachen... seine waren dunkelblau. Trotz der imposanten Gr??e, ?hnlichen goldenen Drachenaugen, waren seine Gesichtszüge h?rter und kantiger. Dieser Drache besa? eine ganz andere Ausstrahlung. Eine, die einschüchterte. Aber gut, welcher Drache konnte das nicht? In seinen Augen loderten tiefe Emotionen und ein uraltes Wissen. Er musste sehr alt sein... doch sein ?u?eres glich eher einem Mann im guten Alter. Gut, bei Unsterblichen sagte das oft nichts aus. Das Aussehen konnte in jeder Weise trügen.
Und trotzdem… das Erstaunliche war... endlich zeigte sich ein anderer Drache. Endlich kroch einer aus seinem Versteck. Doch kaum dachte Emmanline das, bereute sie es schon. Denn es kostet sie gewaltige Selbstbeherrschung, nicht instinktiv zurückzuweichen. Deine zweite Natur riet es ihr. Jede Faser ihres K?rpers schrie nach Flucht, doch sie zwang sich, immer noch zu bleiben. Jede unn?tige Bewegung würde ihn nur provozieren.
?Raiden, warst du denn hier?“ Aidens Stimme durchschnitt die angespannte, erdrückende Stille.
?Verschwinde, Aiden.“ Seine Stimme war eine Drohung, weich gesprochen, aber scharf wie eine Klinge. ?Ich will mich mit dieser Elfe allein unterhalten. Du st?rst. Also. Verschwinde.“
?Vergiss es.“ Aiden knurrte zurück, unerschrocken und stellte sich sogar schützend vor sie. Als würde das irgendetwas nützen. ?Ich lasse sie nicht mit dir allein.“
?Ich sage es nur noch einmal. Verschwinde.“ Die Luft vibrierte. Der blauhaarige Drache spannte sich an, sein K?rper war eine stille Ankündigung. Angriffslust, gef?hrlich nah an der Oberfl?che. Wenn niemand greift, endete das nicht mit Worten. Nicht mit Drohungen. Sondern mit Klauen und Rei?z?hnen.
?Lass es gut sein, Aiden.“ Deine Stimme war leise, aber klar. Ihre eigene Dummheit, sich dazwischen stellen. Doch sie tat es trotzdem. ?Er wird mir nichts tun.“
"War?" Aiden wirbelte zu ihr herum, als h?tte man ihn gestochen. ?Bist du noch bei Sinnen? Natürlich wird er dir etwas antun. Du wurdest mir anvertraut und ich werde dafür sorgen, dass dir nichts passiert.“ Allein schon, weil er es wollte, nicht, weil man es ihm befohlen hatte. Das wusste sie.
?Mag sein“, antwortete Emmanline kühl. ?Aber er will etwas von mir. Etwas, das nur ich wei?.“ Ihr Blick glitt zu dem Fremden, dessen Augen ununterbrochen an ihr haftet.
?Und das soll was sein?“ Aidens Stimme war misstrauisch und schneidend. Er roch Gefahr und Emmanline wussten, er lag nicht falsch. ?Ich...“
?Das geht dir nichts an, Aiden. Und jetzt geh.“ Der Drache schnitt ihn ins Wort. ?Du kommst mit.“ Ohne weitere Vorwarnung packte sie am Oberarm, diesmal weniger sanft und zog sie mit sich.
Aiden wollte schon zuschnappen wie eine aufgebrachte Bestie. ?Nein“, sagte sie schnell und ernst. Dabei hielt sie ihn mit erhobener Hand auf. ?Lass es gut sein.“ Ihr Ton lie? ihn innehalten. Doch seine Schultern blieben angespannt, seine blauen Augen voller Warnung. Aiden kannte den Drachen gut genug, um zu wissen, wie weit dieser gehen würde. Auch wenn sie ihn nicht kannte.
Drau?en blendete Emmanline sofort das grelle Sonnenlicht. Mit der freien Hand schirmte sie ihre Augen ab, bis ihre Sicht wieder klar wurde. Der Drache führte sie schweigend weiter, über den Hof und hinein in ein kleines Waldstück, weit genug entfernt von neugierigen Ohren. Erst dort blieb er abrupt stehen. ?Das reicht.“ Der Befehl in seiner Stimme lie? sie ebenfalls stoppen.
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Er musterte sie, als sei sie ein R?tsel, das er endlich l?sen durfte. ?Es war ziemlich dumm von dir anzunehmen, ich würde dir nichts tun. Wie kommst du auf diese absurde Idee?“ Ein dunkles, sp?ttisches Lachen folgte auf seinen Lippen.
?Wolltest du es denn?“ Ihre Stimme war tonlos, fast gleichgültig und ihr silberner Blick ruhte auf den Drachen vor ihr. Stets bedacht, nichts das Falsche zu tun.
?Nein.“ Das Wort kam erst nach einem kurzen Z?gern. Aber sie wusste es bereits. Er brauchte etwas von ihr. ?Aber das hei?t nicht, dass sich das nicht ?ndern k?nnte.“ Er lehnte sich mit verschr?nkten Armen an einen Baum, seine Haltung überheblich, überlegen... zutiefst herrisch. Emmanline lie? ihren Blick schweifen. Dieser Teil des Waldes war ihr fremd, tiefer, dunkler und abgelegener. ?Du hattest recht“, begann er schlie?lich. ?Ich will etwas von dir wissen.“ Seine Augen verengten sich leicht. ?Es war au?erdem ?u?erst unklug von dir, auf dem Gang ein solches Gespr?ch zu beginnen. Jeder konnte dich h?ren und ich werde das Gefühl nicht los, dass du das absichtlich getan hast.“
Keine Frage, trotzdem wartete er auf eine Antwort. ?Vielleicht“, erwiderte Emmanline nur knapp.
Er musste ein knappes Lachen unterdrücken. ?Es war zumindest eine clevere Taktik.“ Dann wurde sein Ton k?lter. ?Deine Vermutungen sind gef?hrlich nah an der Wahrheit. Normalerweise würdest du dafür zur Verantwortung gezogen werden. Egal, was mein Bruder sagt.“ Bruder. Das erkl?rte die ?hnlichkeit zwischen ihm und dem Drachen. ?Aber seltsamerweise rührt dich niemand an. Das ist… bemerkenswert. Und m?glicherweise nützlich. Du k?nntest wertvolle Informationen besitzen.“
Emmanline lie? sich nichts anmerken. ?Wegen Culebra? Ich kann euch über ihn nicht viel sagen.“
?Warum?“ Sein eiskalter glühender Blick bohrte sich in ihren. ?Weil du ihn etwa verteidigst? Oder weil du ihn schützt?“
Nicht reizen lassen. Keine Schw?che zeigen. ?Weil ich nicht viel wei?“, erwiderte Emmanline ruhig. ?Culebra hat immer darauf geachtet, dass niemand seine genauen Pl?ne kennt. Aber warum ersparen wir uns das nicht? Ich habe das Gefühl, dass es hier gar nicht um Culebra geht.“ Sie ging auf volles Risiko, weil sie nichts zu verlieren hatte.
Der Drache lachte leise, dunkel. ?Ganz sch?n mutig. Jetzt glaube ich dir zum ersten Mal wirklich, dass du dein Leben unter unserer Art verbracht hast. Du wei?t, wie man sich in bestimmten Situationen verh?lt. Nicht viele Worte. Keine zu schnellen Regung, keine offenen Emotionen…“ Er neigte leicht den Kopf. ?Das erfordert enorme Selbstbeherrschung. Jahrelange übung. Das lernt man nicht über Nacht.“
Widerwillig schluckte Emmanline ein Seufzen hinunter. Endlich bewegte sie sich von der Stelle weg und setzte sich auf einen umgestürzten Baumstamm. Das hier würde dauern, das spürte sie. ?Kann sein“, sagte sie. ?Aber eigentlich geht es nicht um mich.“ Sie hielt seinem Blick stand.
Sein Grinsen wurde breiter. ?Jetzt verstehe ich.“
Emmanline hob eine fragende Braue. ?Was genau?“
Der Drache stie? sich vom Baum ab und bewegte sich in geschmeidiger, raubtierhafter Art auf sie zu. ?Du bist also diese Elfe, von der Lucien gesprochen hat.“ Er blieb vor ihr stehen, musterte sie langsam von oben nach unten. ?Jetzt begreife ich auch, warum er so besessen darauf ist, dich zu behalten. Du hast… etwas Ungew?hnliches an dir. Nicht nur vom Aussehen her, sondern in vielerlei Hinsicht.“ Diese Worte begannen Emmanline allm?hlich zu nerven. Ungew?hnlich. Besessen. Behalten. Scheint so, als sei sie für manche Drachen nicht viel mehr als ein seltenes Objekt in einem Hort. ?Aber das spielt keine Rolle“, fuhr der Drache dann fort. ?Was ich wissen will, als Lucien dich in seine H?hle brachte, wohin genau hat er dich gebracht?“
?In seinen Kerker.“ Emmanline lie? den Zusatz ungefragt, obwohl Fragen tief in ihr brannten.
?Warst du dort allein?“, fragte er weiter durchbohrend nach.
Ihre Stirn legte sich in Falten. Wusste er das nicht l?ngst? ?Nein. Da waren ein Engel und zwei Wieselgestaltwandler.“ Ihr Blick blieb wachsam. Jeder Muskel angespannt. Der Drache fluchte leise und funkelte sie an. ?Wieso willst du das alles wissen? Sollte das nicht l?ngst klar sein?“
?Dann stimmt es also“, brummte er pl?tzlich. ?Du warst diejenige, die Jesaja befreit hat.“ Seine Stimme klang… erleichtert? Oder bildete sie sich das ein? Kann ein Drache Erleichterung empfinden, wenn es um einen Engel geht? Aber er zeigte weder Hass noch Bitterkeit. Nur etwas, das sie nicht deuten konnte.
?Ja“, sagte Emmanline, auch wenn alles durcheinandergeraten war. ?Dann warte ich wohl auf meine Bestrafung. Offenbar habe ich etwas in Gang gesetzt.“
?Nicht von mir.“ Der Drache schnaubte. ?Du hast mir damit einen gro?en Gefallen getan.“
Emmanline blinzelte irritiert. ?Einen Gefallen? Ich verstehe nicht.“
?Natürlich nicht und das musst du auch nicht.“ Seine Stimme wurde wieder hart. ?Was wirklich z?hlt, was ist zwischen Lucien und Jesaja passiert?“ Der Ton lie? keinen Widerspruch zu. Die feinen H?rchen in ihrem Nacken richteten sich erneut auf.
?Nun ja… Freunde waren sie nicht gerade“, sagte Emmanline vorsichtig. ?Der Engel wollte sich r?chen. Für ihre Gefangenschaft, für alles, was er ihr angetan hatte. Und das, obwohl zwischen euren Arten ein Waffenstillstand herrscht.“ Sie erinnerte sich an ihren Gesichtsausdruck und ihre eigene Haut prickelte bei den Gedanken. Eiskalte Augen. ?Ich konnte sie verstehen. Sie war wütend. Sehr wütend. Sie hat den Drachen angeklagt und beim Mythos geschworen, dass er für alles bezahlen würde.“ Deine Stimme senkte sich leicht. ?Dass er es eines Tages bitter bereuen werde… und sie sich auf den Moment freuen, in dem er besser am Boden liegen würde.“
Ein Schauer lief ihr über den Rücken, als Emmanline das unheilvolle Grinsen des Engels wieder vor sich sah.

