Emmanline wusste, dass er noch immer hinter der Tür stand, als er sie allein gelassen hatte. Sie verstehen ihn einfach nicht. Im einen Moment dr?ngte er sich ihr auf, im n?chsten wies er sie eiskalt ab. Was sollte das bezwecken? Wollte er, dass sie die Drachen noch mehr verabscheute? Oder steckt da etwas anderes dahinter?
Leicht schüttelte Emmanline den Kopf und verscheuchte die Gedanken an ihn. Das hatte sie nicht zu interessieren. Um sich abzulenken, gab sie dem Verlangen nach, sich zu s?ubern, und blickte zu dem kleinen Raum, aus dem dampfendes Wasser rauschte. Es musste angenehm warm sein und sie staunte über alles, was es hier gab. Alles war neu für sie und das zeigte ihr, wie wenig sie von dieser Welt wusste. Es war ihr unangenehm, zuzugeben, dass sie keine Ahnung hatte, wie man all das bediente. Doch ihre Neugier wuchs mit jedem Atemzug und sie konnte nicht anders, als mit gro?en Augen auf die ungewohnten Dinge zu starren.
Unsicher, ob er doch nicht noch hereinkommen würde, entledigte sie sich schnell ihrer Kleidung und trat in die sogenannte Dusche. Sie musste schnell sein. Z?gernd hielt Emmanline eine Hand unter den Strahl und ihr entfuhr einen überraschten Laut. ?So warm…“
Ohne weiter darüber nachzudenken, trat sie unter das Wasser, das sie augenblicklich umhüllte. Ein wohliger Seufzer entwich ihr. Emmanline schloss die Augen und lie? das Wasser über ihr Gesicht laufen. Wie gut das tat. Ihre Muskeln entspannten sich, jede Spannung schien von ihr zu fallen. Ihr Haar klebte nass an ihrer Haut, w?hrend der Schmutz und das Blut fortgespült wurden. Der Drache hatte recht behalten, das war, was sie am dringendsten gebraucht hatte. Ein Teil von ihr war ihm dankbar dafür.
In ihrem Blickwinkel standen ihre kleinen Flaschen auf. Neugierig nahm Emmanline eine in die Hand, ?ffnete sie und ein fruchtiger, sanfter Duft stieg ihr in die Nase. Es gefiel ihr. Etwas davon verteilte sie auf ihren H?nden, rieb es zwischen den Fingern, bis sich Schaum bildete und wusch damit Haar und K?rper. ?Mmh…“, st??t sie zufrieden und erleichtert auf. So sauber hatte sie sich noch nie gefühlt. Das warme Wasser auf ihrer Haut war wie eine z?rtliche Massage. Eine ganze Weile blieb sie unter dem Strahl, bis ihre Haut rot und leicht schrumpelig wurde. Dann trat Emmanline hinaus, drehte sich, wie er gesagt hatte, das Wasser ab und griff nach dem Handtuch, das er ihr hingelegt hatte. ?So weich…“, murmelte sie und strich über den Stoff. Er war so sanft, nicht rau wie das, was sie sonst an Stoffen konntete. Behutsam trocknete sie sich ab und genoss jede Bewegung.
W?hrend Emmanline ihr Haar rieb, trat sie vor den Spiegel. Für einen Moment blieb sie reglos stehen. Irgendwie sah sie… anders aus. Dünn, ja, fast zerbrechlich, aber in ihrem Gesicht lag etwas, das sie an ihre Mutter erinnerte. Das wei?e Haar, im Moment durch die N?sse leicht gr?ulich, die silbernen Augen. Fast alles an ihr war ein Abbild ihrer Mutter. Nur einige Züge, die sch?rferen Linien und die stammten wohl von ihrem Vater.
Emmanline kannte ihn nicht und das war ihr nie wichtig gewesen. Ihre Mutter hatte ihr stets gesagt, sie solle ihn nicht hassen, weil er nicht bei ihnen sein konnte. Und das tat sie auch nicht. Wie sollte sie jemanden hassen, den sie nie gesehen hatte? Er wusste nicht einmal, dass sie existierte. Ihre Mutter war entführt worden, kurz nachdem sie von der Schwangerschaft erfahren hatte... von Culebras Anh?ngern. Ihr Vater hatte keine Chance gehabt, von seiner Tochter zu erfahren.
Emmanline seufzte leise, beugte sich vor und betrachtete ihr Spiegelbild genauer. Mit den Fingerspitzen berührte sie ihr Gesicht, hob und senkte die Augenbrauen, verzog leicht die Lippen. So genau hatte sie sich noch nie gesehen. Sie war wirklich dünn. Als Emmanline sich drehte, entdeckte sie in der Spiegelfl?che ihren Rücken, übers?t mit blauen und schwarzen Flecken. Doch sie heilten bereits, taten nicht mehr weh, selbst als das hei?e Wasser darüber gelaufen war.
Ihr Blick fiel auf das Stoffbündel, das der Drache dagelassen hatte. Kleidung hatte er gesagt. Sie griff danach, entfaltete es. Ein Kleid, dunkelrot. Etwas fiel zu Boden. Als Emmanline es aufhob, erstarrte sie. Unterw?sche. Hitze stieg ihr ins Gesicht.
Hatte er das etwa für sie ausgesucht?
Ihr Blick schnellte zur Tür. Wenn sie das jetzt anzog, würde er genau wissen, was sie darunter trug. Allein der Gedanke lie? sie err?ten. Aber ohne konnte sie schlecht hinausgehen und ihre alten Kleider waren ohnehin ruiniert. Also atmete sie tief durch, hob die feinen Stücke an und zog sie an. Dann glitt sie in das Kleid. Es schmiegte sich perfekt an ihren K?rper, als w?re es für sie gemacht. Der Stoff war weich, seidig, teuer und wundersch?n. Noch nie hatte sie so etwas getragen. Emmanline betrachtete sich im Spiegel.
Fremd.
So sah sie aus. Wie eine andere Frau. Eine, die sie nicht kannte. Sie versuchte, ihr Haar mit den Fingern zu gl?tten, gab aber bald frustriert auf. Es lockte sich immer wieder leicht. Vielleicht dehnte sie die Zeit absichtlich, blieb l?nger, als n?tig war. Ein Teil von ihr wollte einfach nicht hinausgehen... nicht zu ihm. Aber sie wusste, wenn sie zu lange brauchte, würde er sie holen. Also atmete Emmanline tief durch und ?ffnete die Tür. Kurz blieb sie stehen. Der Raum dahinter kam ihr fast unwirklich vor. Sie musste zugeben, dass sich selbst ihre Gefangenschaft hier anders anfühlte. Keine kalten W?nde, kein Eis, keine Schreie. Nur W?rme. Weichheit. Geborgenheit. Ihre nackten Fü?e versanken im Teppich, flauschig und warm. Emmanline konnte nicht widerstehen, ihre Zehen darin zu vergraben. Ein leises, unbewusstes L?cheln huschte über ihr Gesicht.
Dann vibrierte die Luft. Eine tiefe, klangvolle Stimme riss sie aus ihrer stillen Bewunderung. ?So siehst du schon viel besser aus und riechst auch angenehmer.“
Ihr Kopf schnellte nach oben. Der Mann, der ihr all das m?glich gemacht hatte zu fühlen, sa? mit verschr?nkten Armen und überkreuzten Beinen an einem Tisch. L?ssig und voller Würde, w?hrend er sie mit seinen gierigen Blicken verschlang.
Er war der geborene K?nig.
Wie hatte sie ihn zuvor nicht bemerkt? War sie so gebannt von all den neuen Eindrücken gewesen, dass sie seine Anwesenheit nicht gespürt hatte?
?Komm her. Setz dich zu mir.“ Bat er sie etwa?
Seine ausgestreckte Hand deutete f?rmlich darauf, auf dem gegenüberliegenden Stuhl Platz zu nehmen. Sollte sie das tun oder lieber stehen bleiben? Einen Moment lang haderte Emmanline mit sich, doch ihre Fü?e bewegten sich wie von selbst in seine Richtung, bis sie sich ihm gegenüber niederlie?. Ihre H?nde ruhten im Scho?, die Finger ineinander verschr?nkt. Was sollte sie jetzt tun oder sagen? Die Anspannung in der Luft war erdrückend. Seine ganze Pr?senz füllte den Raum, nahm sie vollst?ndig ein. Selbst sein erdiger Geruch, der sie auf unerkl?rliche Weise anzog.
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Warum nur?
?Hast du vielleicht Hunger?“ Seine Stimme durchbrach die Stille und er schob ihr einen Teller mit einer silbernen Haube über den Tisch. Emmanline hob den Kopf und blinzelte überrascht. Er bot ihr etwas zu essen an? Misstrauisch runzelte sie die Stirn. ?Keine Sorge“, sagte er ruhig. ?Das Essen ist nicht vergiftet oder mit anderen Mitteln versehen.“ Er hob die Haube an, stellte sie beiseite. Sofort stieg ihr ein schwerer Geruch in die Nase und Emmanline verzog das Gesicht.
Fleisch. Noch leicht blutig. Ihr Magen drehte sich und sie musste sich beherrschen, nicht zu würgen. Das andere, was auf dem Teller lag, erkannte sie nicht und auch der Geruch war ihr fremd. Ihre Finger verkrampften sich auf ihrem Scho?. Emmanline atmete tief durch, zwang sich zur Ruhe.
?D... das ist ja ganz nett, aber nein danke. Ich habe keinen Hunger.“ Sie schob den Teller zurück.
Sein Blick verriet, dass ihm ihre Ablehnung missfiel. ?Ich sagte doch, es ist nicht vergiftet.“
?Das ist es auch nicht“, widersetzte sie sich ihm.
?Ach ja? Isst du grunds?tzlich nichts von Fremden oder liegt es daran, dass dir das Essen nicht ansteht?“, grinste er amüsiert.
Emmanline funkelte ihn an. ?Vielleicht an beidem. Oder daran, dass mein Vertrauen in Fremde nicht gerade gro? ist, wenn sie mir etwas zu essen anbieten.“ Ihre Stimme war scharf, bissig. ?Ich lege nicht viel Wert auf deine Worte und falls du es wissen willst, ich esse kein Fleisch. In keiner Form.“ Ihr Blick fiel erneut auf das blutige Stück, das ihr die übelkeit zurücktrieb, dann wandte sie sich ab.
Ein kurzes Seufzen, ein leises Klacken und er setzte die Haube wieder auf und schob den Teller beiseite.
?Dabei dachte ich immer, selbst Elfen würden jagen und Fleisch essen“, meinte er trocken.
?Es gibt auch Ausnahmen“, entgegnete Emmanline sofort. ?Wenn du jahrelang mit ansehen musst, wie sich Raubtiere über rohes Fleisch hermachen, vergeht dir irgendwann der Appetit.“
Er nickte leicht. ?Ein Argument.“ Für ihn. Selbst er eines dieser Raubtiere, war es das Normalste der Welt. ?Gut. Dann erz?hl mir etwas über deine Gefangenschaft bei Culebra.“
Emmanline erstarrte. ?Wie bitte?“
?Ich sagte, erz?hl mir etwas über deine Gefangenschaft bei Culebra“, wiederholte er seine Frage erneut sachlich.
?Fragst du das allen Ernstes?“ Ihre Stimme bebte vor Abscheu. ?Da gibt es nicht viel zu erz?hlen. Ein Leben in H?hlen und unter Drachen zu leben sollte dir alles sagen. Was willst du h?ren? Was ich erlebt habe? Was sie mir angetan haben... oder was sie nicht getan haben?“
?Beruhige dich“, meinte er ruhig, stand dann jedoch auf. ?Moment.“ Er ?ffnete die Tür hinter sich, sprach mit jemandem drau?en, aber sie h?rte nichts. Kurz darauf kam er mit einem weiteren Teller zurück, stellte ihn vor ihr ab und setzte sich.
?Ich meinte, ich habe keinen Hunger.“ Emmanline schob ihn wieder von sich.
?Schau erst einmal nach, bevor du ablehnst.“ Er hob die Haube. Darunter lagen Beeren, ?pfel, Birnen... Früchte, die sie kannte und viele andere, fremde, farbenpr?chtige Sorten. Alles, nur kein Fleisch.
?Wie …?“, stammelte sie.
Er tippte sich an die Stirn. ?Per Gedankenübertragung. Du meintest, du isst nichts, was von lebendigen Tieren stammt. Also habe ich dir etwas anderes zukommen lassen.“ Er lehnte sich bequem zurück. ?Du hast bestimmt seit Tagen nichts gegessen, oder?“
?Ich kann ganz gut ohne Nahrung auskommen“, sagte Emmanline und das stimmte wirklich. Sie brauchte nichts.
Er schnaubte leise. Ihre Sturheit reizte ihn, das spürte sie. ?Dann mach, was du willst.“ Seine Stimme wurde scharf, kalt. Ihr Nackenhaar richtete sich auf. ?Kommen wir zum Thema zurück. Du sagtest, du lebst seit deiner Geburt bei Culebra und er nahm deine Mutter gefangen. Warum?“
?Das solltest du ihn selbst fragen“, erwiderte sie. ?Ich wei? es nicht. Culebra redet nicht viel mit denen, denen er nicht vertraut.“ Ihr Blick wanderte unwillkürlich wieder zu den Früchten. Sie dufteten sü?, verlockend.
?Also war es Zufall, dass sie schwanger mit dir war, als er sie holte?“ Er schüttelte den Kopf. ?Deine Mutter muss etwas gehabt haben, das Culebra wollte. Und du willst mir sagen, du wei?t nicht, was?“
Je l?nger er sprach, desto mehr zog sich etwas in ihr zusammen. Nicht wegen seiner Worte, sondern weil er den Namen ihrer Mutter mit dieser K?lte aussprach. Er hat kein Recht, über sie zu reden. Sie war das Einzige, was in ihr noch Licht trug, der einzige Rest von W?rme. ?Du bist ganz sch?n selbstgerecht“, sagte Emmanline schlie?lich, ihre Stimme eiskalt. Sie hob den Kopf. ?Richte nur über andere. Irgendwann wirst du dafür bezahlen und ich hoffe, dieser Tag kommt bald.“
Er lachte tonlos. ?Gro?e Worte. Aber vielleicht hast du recht.“ Er schob seinen Stuhl zurück, ging um den Tisch herum und blieb neben ihr stehen. ?Doch ich glaube, du nimmst den Mund ganz sch?n voll.“ Er beugte sich zu ihr hinunter, seine glühenden Augen suchten die ihren. ?Aber wei?t du, ich mag das an dir. Nicht jeder würde mir so trotzig entgegentreten. Trotz allem zeigst du Biss. Und das gef?llt mir.“
?D... du verstehst das nicht“, zischte sie. In ihren Augen flackerte Wut. ?Was habe ich schon zu verlieren?“
?Doch, dein Leben.“
?Wenn du eine Ahnung h?ttest …“, murmelte Emmanline mehr zu sich selbst.
?Dann kl?r mich auf.“ Seine Stimme wurde gef?hrlich leise, seine Augen glühten golden auf.
?Das würdest du nicht verstehen.“ Sie wich nicht zurück, obwohl ihr Herz raste.
Der Drache kam n?her, stützte sich mit einer Hand auf den Tisch, die andere auf die Lehne ihres Stuhls. Emmanline spürte seinen Atem, warm und schwer, und dann strichen seine Lippen kaum merklich über ihre. ?Wirklich anziehend“, flüsterte er.
Sie hielt unbewusst die Luft an. Sein Nahsein raubte ihr die Kraft. Ihr Herz schlug schnell... zu schnell. Ein weiterer Kuss... tiefer, eindringlicher.
?Na, du wehrst dich ja gar nicht mehr“, murmelte er gegen ihre Lippen mit einem schelmischen Tonfall. ?Anscheinend gef?llt es dir doch. Ich kann es h?ren, Emmanline, dein Herz. Es rast. Gib es zu, dass es dir gef?llt.“
?N... nein, lass das...“, weiter kam sie nicht, denn pl?tzlich schob er ihr etwas in den Mund. Klein, weich. Zwei Finger legten sich auf ihre Lippen, hielten sie davon ab, es auszuspucken. Der Geschmack, der sich auf ihrer Zunge ausbreitete, war sü?, saftig, vertraut.
Himbeere.
?Wenn du den Teller so anstarrst, warum isst du dann nicht?“, fragte er ruhig.
Erst jetzt wich er von ihr zurück, griff nach dem Teller und schob ihn wieder vor sie. ?Hier, probiere das.“ Er hob eine kleine, runde Frucht und hielt sie ihr hin.
?Was ist das?“, fragte sie misstrauisch. ?Au?erdem kann ich alleine essen.“ Emmanline wollte die Frucht nehmen, doch er zog sie zurück.
?Das ist eine Kirsche. Genauer, eine Herzkirsche.“ Der Name klang besonders. Sie hatte noch nie davon geh?rt, doch sie ?ffnete den Mund, lie? ihn gelangen. Die Frucht glitzert auf ihrer Zunge, sein Finger streift flüchtig ihre Lippen. Ein prickelndes Kribbeln lief über ihre Haut, warm und gef?hrlich. Er beobachtete sie mit glühenden Augen. ?Vorsicht, sie hat einen Kern“, rannte er und ein tiefes Knurren vibrierte in seiner Brust. Emmanline biss vorsichtig hinein. Der Geschmack war überw?ltigend... sü?, fest, aromatisch. Sie schloss die Augen, lie? ihn auf sich wirken. Ein leises Schmunzeln holte sie zurück. ?Das scheint dir zu schmecken. Du kannst so viele davon essen, wie du willst.“
Emmanline nahm den Kern aus dem Mund, sah zu ihm auf. ?Ja, sie schmeckt wirklich gut.“ Ein sanftes Leuchten liegt in ihren silbernen Augen, als sie nach einer weiteren Frucht greift und w?hrend er ihr dabei zusah.

