home

search

29. Lucien

  Es überrumpelte ihn ein wenig, als Emmanline pl?tzlich Vorschl?ge machte, was er mit ihr anstellen sollte. Lucien brauchte keine gro?e Beobachtungsgabe, um zu erkennen, was sie da versuchte. Natürlich war sie nicht begeistert darüber, dass sich ihr Aufenthalt hier verl?ngerte, und doch ihm kam das nur gelegen. Trotzdem gefiel es ihm nicht, dass sie ihn absichtlich provozierte. Lucien wusste, dass sie kein liebevolles Leben geführt hatte. Diese Elfe musste durch die H?lle gegangen sein, das erkannte er an ihren Reaktionen, an der Art, wie sie provozierte, als wolle sie sich auf jeden Schlag gefasst machen. Emmanline besa? keine Grenzen, wenn es um ihren Selbstschutz ging. Das erschütterte ihn mehr, als er zugeben wollte. So würde er mit ihr nicht weiterkommen.

  Sanft legte Lucien eine warme Hand auf ihren schneewei?en Schopf. Emmanline zuckte bei seiner Berührung leicht zusammen. Sein Blick ruhte nachdenklich auf ihr, w?hrend er auf sie herabblickte. ?Ich würde vorschlagen, dass du dich erst einmal frisch machst. Vielleicht m?chtest du dich waschen oder ein Bad nehmen. Ich erlaube es dir. Dort hinter der Tür befindet sich das Badezimmer“, sagte er ruhig und zeigte auf eine weitere Tür im Raum. ?Du hast dort alles, was du brauchst, und kannst dich bedienen. Du hast die Wahl.“ Seine Stimme klang sachlich, doch nicht befehlend. Es st?rte ihn, dass all der Dreck und Staub an ihr hafteten. Sein Drache war alles andere als begeistert. Er wollte ihren reinen, sinnlichen und natürlichen Duft wahrnehmen. ?Ich verspreche dir, dass ich dich alleine lasse und dir die Ruhe gebe, die du brauchst.“

  ?D... du l?sst mich alleine?“, fragte Emmanline mit weit ge?ffneten, silbern funkelnden Augen. Allein diese überflüssige Frage h?tte ihm fast ein Knurren entlockt. Sie kannte offenbar keine Freiheiten. Immer wieder fragte er sich, was dieser Bastard ihr angetan hatte. Wollte er es wirklich wissen?

  ?Ja, das tue ich. Geh“, sagte Lucien knapp und lie? abrupt von ihr ab... aus Angst, sonst etwas Unüberlegtes zu tun. In ihrer N?he verlor er die Kontrolle, und das ?rgerte ihn ma?los. Der Einzige, der zufrieden schien, war sein Drache. Schlimm genug. ?Ich werde dir neue Kleidung und etwas zu essen bringen“, fügte er hinzu, um seine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken. Immerhin brauchte Emmanline nun Verpflegung, damit ihre Grundbedürfnisse gedeckt waren.

  ?Aber... ich k?nnte dir wieder davonlaufen.“ Testete sie wirklich seine Geduld?

  ?Du würdest nicht weit kommen, Emmanline. Und das wei?t du“, erwiderte er scharf und sah sie mit feurigem Blick an. Sie würde es nicht versuchen... oder etwa doch? Lucien traute ihr mittlerweile alles zu. Trotzdem schenkte er ihr in diesem Moment den mickrigen Funken Vertrauen, den er aufbringen konnte. ?Lass dir Zeit“, wiederholte Lucien leise und verlie? seine Gem?cher.

  Unterwegs, in Gedanken versunken, konnte Lucien kaum fassen, was er da gerade tat.

  Er, ein zerst?rerischer Drache mit gefürchtetem Ruf, bewegte sich durch die G?nge, um Kleidung und Nahrung für diese Frau zu besorgen, die er gefangen genommen hatte. Schon der Gedanke daran war absurd. Er musste sich zusammenrei?en. Noch nie hatte ihn jemand so aus dem Konzept gebracht und diese Bl??e wollte er sich nicht geben. Nicht vor einer so zierlichen kleinen Elfe wie ihr. Es kratzte gewaltig an seinem Stolz. Trotzdem trugen ihn seine Schritte weiter, bis er um eine Ecke bog und beinahe mit jemandem zusammenstie?.

  ?Lya“, sagte er überrascht und blickte auf seine jüngere Schwester herab. Sie war eine weitere Schwester unter den De la Cruise-Geschwistern und die Letzte im Bunde. Insgesamt waren sie zu zehnt.

  Ein sanftes L?cheln legte sich auf ihr zartes Gesicht. ?Lucien“, erwiderte sie warm. ?Ich wollte gerade zu dir.“ Ihre Stimme war hell, fast melodisch und sie lachte leise, w?hrend ihre azurblauen Augen vor Freude funkelten. Das meerblaue, lockige Haar hatte sie zu einem dicken Zopf geflochten, der über ihre Schulter fiel. Lyas zierliche Statur lie? sie verletzlich wirken, doch ihre Ausstrahlung war von ruhiger St?rke. Sie geh?rte zu den Mütterlichen... jenen seltenen Drachenfrauen, die heilten, n?hrten und die Sippe zusammenhielten. Die Mütterlichen kümmerten sich um die Jungen und gaben jedem das Gefühl von Zugeh?rigkeit. Sie schenkten Liebe und W?rme. Etwas, das selbst der dunkelste Drache brauchte, um nicht im eigenen Feuer zu verglühen. Drachen mochten den Ruf furchterregender Bestien haben, doch in Wahrheit waren sie leidenschaftliche Gesch?pfe. Ohne N?he, ohne k?rperliche W?rme und Zuneigung, drohten sie innerlich zu ver?den.

  Ensure your favorite authors get the support they deserve. Read this novel on Royal Road.

  ?Warum wolltest du zu mir?“, fragte Lucien mit leicht gehobenen Augenbrauen, in seiner Stimme eine Spur Neugier. Eigentlich sollte Lya bei ihrer eigenen Familie sein. Sie geh?rte zu den wenigen Drachen, die ihr Glück früh gefunden hatten. Sie hatte bereits ein Junges und war kaum über vierhundert Jahre alt... jung für ihresgleichen.

  ?Na, wegen der Kleidung, die ich dir bringen wollte“, antwortete Lya lachend und hob das Bündel in ihren Armen, das ihm erst jetzt auffiel. ?Aiden meinte, dein Gast k?nne neue Sachen brauchen und sie h?tte ungef?hr meine Gr??e. Also dachte ich mir, ich bringe dir gleich welche vorbei.“

  Aiden.

  Lucien knurrte innerlich, und sein Drache erhob sich wütend in seinem Inneren. Er war alles andere als begeistert von dieser Einmischung. Es widerstrebte ihm zutiefst, dass jemand anderes sich um das Wohl der Elfe kümmerte... um etwas, das er selbst beschlossen hatte zu tun. Sein Entschluss, seine Verantwortung. Nicht Aidens.

  ?So, hat er das“, brummte Lucien und nahm das Kleidungsbündel mit zusammengepresstem Kiefer entgegen.

  ?Du klingst nicht gerade begeistert“, stellte Lya fest und die Sorge legte sich wie ein Schatten über ihre zarten Gesichtszüge.

  Lucien atmete tief durch. ?Nein, schon gut. Vermutlich w?re ich ohnehin auf dich zurückgekommen.“ Er zwang sich zu einem leichten L?cheln. ?Danke, dass du sie mir gebracht hast.“ Sie unterhielten sich kurz, bevor er sich von ihr verabschiedete. Lya l?chelte ihm nach, w?hrend er weiterging. Zurück in Richtung seiner Gem?cher. Doch zuvor lenkten ihn seine Schritte in die Schlossküche und... dort kochte seine Wut erneut hoch. Auf dem Tisch stand eine fertige Essensplatte, ordentlich unter einer silbernen Haube drapiert. Bereit, damit er sie nur noch mitnehmen musste.

  Verdammt nochmal, ich wollte selbst für ihr Wohl sorgen.

  Lucien ballte die F?uste. Wenn er diesen schuppigen Drachen zu Gesicht bekam, würde Aiden sich warm anziehen müssen. Er verstand nicht einmal genau, warum ihm das so wichtig war, aber sein Drache wusste es und der war alles andere als bes?nftigt. Aidens st?ndige Einmischung machte alles nur schlimmer. In seinem Inneren tobte der Drache wie ein gefesseltes Raubtier, das ausbrechen wollte. Aiden hatte Emmanline zwar viel früher gekannt, ja... doch das gab ihm noch lange nicht das Recht, sich so dreist einzumischen. Lucien brauchte keine Hilfe. Nicht von ihm. Nicht jetzt. Seine Aufgabe begann erst in wenigen Tagen, sobald er abgereist war. Was fiel ihm also ein? Diese Dreistigkeit, als k?nne er sich nicht um ein anderes Wesen kümmern.

  Stillschweigend nahm Lucien es hin und ging mit dem Tablett und der Kleidung, die über seinem Arm hing, zurück zu seinen Gem?chern. Er ignorierte die Blicke derer, die ihm begegneten. Natürlich musste es unglaubwürdig aussehen. Er, Lucien De la Cruise, trug einer Frau etwas hinterher. Normalerweise war es umgekehrt. Frauen liefen ihm nach, überschütteten ihn mit Geschenken, mit Bewunderung, mit Hingabe. Und jetzt? Er trug Essen und Kleidung für eine Gefangene. Ein bitteres Knurren vibrierte in seiner Brust. Wut durchstr?mte ihn... auf Aiden, auf sie, und vor allem auf sich selbst.

  Als Lucien die Tür zu seinen R?umlichkeiten ?ffnete, blieb er abrupt stehen. Er traute seinen Augen kaum. Für einen Herzschlag weiteten sich seine Pupillen, aber dann verengten sie sich zu schmalen, gef?hrlich glühenden Schlitzen. Emmanline sa? auf dem Bett, mit dem Rücken zu ihm gewandt. Auf den ersten Blick wirkte es unscheinbar. Doch dann sah er genauer hin. Seine Nase kr?uselte sich. Sie trug immer noch die alte Kleidung. Ihre Haut und ihr schneewei?es Haar waren schmutzverkrustet, stellenweise vom Blut getrocknet, das an ihr haftete. Kein Tropfen Wasser hatte sie berührt, seit er gegangen war. Diese Elfe besa? tats?chlich die Dreistigkeit, weiterhin in diesem Zustand dazusitzen. Lucien hatte ihr Freundlichkeit gezeigt, Güte sogar... und sie trat seine Geste mit Fü?en. Das erzürnte ihn, ebenso wie den Drachen in ihm.

  Ein tiefes Grollen entrang sich seiner Kehle. ?Hatte ich dir nicht gesagt, dass du dich waschen sollst?“ Sein Ton war dunkel, durchzogen von Groll. Doch unter der Oberfl?che vibrierte etwas anderes. Unruhe. Kontrolle, die zu br?ckeln drohte. Dieser Anblick stie? ihn ab. Nicht, weil sie schmutzig war, sondern weil Lucien sie so nicht sehen wollte. Er wollte den reinen, unverf?lschten Duft ihres Wesens wahrnehmen. Ihren wahren Geruch. So, wie sie war und nicht verborgen unter Dreck und Blut.

  Erschrocken fuhr Emmanline herum. Ihre silbernen Augen weiteten sich, und er h?rte deutlich das wilde Pochen ihres Herzens. Sie zog sich zurück, die Schultern angespannt, die Lippen zitternd, w?hrend sie ihn stumm anstarrte. Zumindest schien sie zu begreifen, dass sie seine Geduld auf die Probe stellte.

  Lucien stellte das Tablett und die Kleidung mit kontrollierter Bewegung auf dem Tisch ab. Ein schweres M?belstück aus schwarzer Fichte, umgeben von vier massiven Stühlen. Dann trat er n?her. Schritt für Schritt, bis er direkt vor ihr stand. Seine Augen glühten wie flüssiges Gold, hei? und unnachgiebig... ein Raubtier, das seine Beute fixierte. Lucien sah, wie Emmanline den Atem anhielt. Wie ihre Finger sich in den Stoff ihres Kleides krallten. Wie sie sich zwang, nicht zurückzuweichen.

  Sein Blick brannte sich in sie, schneidend, fordernd, unnachgiebig. ?Antworte mir.“

Recommended Popular Novels