Der Tempel lag im Schatten des Sturms. Nicht verborgen - sondern bewusst entzogen. Ein Monument aus schwarzem Stein und uralten Runen, errichtet lange bevor die zweitgeborenen Hexen ihre Namen gelernt hatten. ?therischer Regen peitschte gegen die hohen Fenster, zog leuchtende Spuren über die Gravuren, als versuche selbst der Sturm, das Gesehene festzuhalten. Aelthyria stand am Fenster.
Jenseits des Glases spannte sich die unendliche Weite des Planeten, verzerrt durch tobende B?en und flackernde Schichten aus Energie. Kein Horizont. Keine Grenze. Nur Bewegung, Chaos - gez?hmt durch Ordnung. In der Mitte des Tempels schwebte eine Projektion des gesamten Limbus. Kontinente, Einflusszonen, Zyklen. Linien, die sich ver?nderten, wenn Macht neu verteilt wurde. Ein Schachbrett für Wesen, die gelernt hatten, Geduld mit Ewigkeit zu verwechseln.
Velthryis lehnte an einer der S?ulen. Sie hatte ein l?ssiges Auftreten und wirkte doch Besitzlos. Als geh?re ihr dieser Ort ebenso wie alles andere, das sie niemals besitzen durfte.
Ihr rotes Haar fiel wie flüssiges Feuer über ihre Schultern, ein scharfer Kontrast zu den samtschwarzen H?rnern, die sich elegant aus ihrem Haarbogen erhoben. Eisblau ruhte ihr Blick nicht auf der Projektion - sondern auf Aelthyria. Immer auf Aelthyria.
?Du bist abwesend“, stellte Velthryis fest.
Kein Vorwurf. Kein Spott.
Nur Feststellung.
Sie l?ste sich von der S?ule und trat n?her. Nicht direkt. Nicht fordernd. Ein Schritt, der den Raum ver?nderte, ohne ihn zu verletzen.
Aelthyria wandte den Blick nicht sofort vom Fenster ab.
?Du h?rst zu viel“, sagte sie ruhig.
Ein L?cheln zuckte über Velthryis’ Lippen. Wissend. Gef?hrlich.
?Und du schützt zu viel.“
Aelthyria drehte sich nun doch um. Langsam. Gelassen.
?Ich entscheide, was Schutz verdient.“
Velthryis blieb stehen. Gerade nah genug, um Pr?senz zu sein.
?Dein Kind“, sagte sie leise. Kein Name. Kein Titel.
?Er zieht Blicke an.“
Die Luft spannte sich.
?Alles, was in meinen Einfluss tritt“, erwiderte Aelthyria, ?steht unter meiner Ordnung.“
Velthryis neigte leicht den Kopf. Anerkennung - oder Berechnung.
?Und doch ist er kein Besitz.“
Ein Flackern ging durch den Raum. Kein Zorn.
Grenze.
?Er ist ein Stern“, sagte Aelthyria.
?Und du bewegst dich nicht in seiner Umlaufbahn.“
Für einen Moment blitzte Verlangen in Velthryis’ Augen auf. Roh. Ehrlich.
Dann trat sie zurück, als w?re nichts geschehen.
?Vielleicht nicht heute.“
Aelthyria wandte sich wieder der Projektion zu.
?Pyraxis überschreitet ihre Zyklen“, sagte sie. ?Schon wieder.“
Velthryis’ Blick glitt zur schwebenden Karte.
?Gier“, murmelte sie. ?Sie stolpert immer darüber.“
?Die D?monenflamme n?hrt sie“, fuhr Aelthyria fort. ?Oder korrumpiert sie. Beides führt zum selben Ende.“
?Ein alter Geist“, meinte Velthryis. ?Mehr Strafe als Geschenk.“
?Ansichtssache“, entgegnete Aelthyria. ?Viele würden dasselbe über die kosmischen Augen sagen.“
Stille.
Dann — ein kaum wahrnehmbares Pulsieren. Nicht im Raum. Nicht in der Projektion. In ihr. Aelthyria erstarrte. Die Blutresonanz. Kurz. Warnend. Fremd. Nicht Schmerz. Kein Ruf. Ein Missklang.
Velthryis bemerkte es sofort. Ihr Blick sch?rfte sich.
?Interessant.“
Aelthyria schloss für einen Atemzug die Augen. Nein. Das war kein Thema für Neugier. Nicht hier.
?Wir setzen das fort“, sagte sie knapp. ?In Moonshire.“
Velthryis’ L?cheln vertiefte sich.
?Eine Einladung?“
?Eine Feststellung.“
Aelthyria beschwor das Portal. Azurblau. Still. Absolut. Bevor sie hindurchtrat, hielt sie inne. Diesen Zug hatte sie bereits erkannt. An jenem Tag, an dem er zum ersten Mal begriffen hatte, wer er war. Nicht durch Worte. Nicht durch Belehrung. Sondern als er sich selbst im Spiegel gesehen hatte - und für einen flüchtigen, unbewachten Moment seine ungezügelte Natur durchblitzen lie?.
Sie hatte es zugelassen. Nicht weil er es wollte. Sondern weil sie es gestattet hatte. Und als sie ihm die Lektion erteilt hatte, hatte er sie hingenommen.
Still. Wach. Ungebrochen. Er würde es wieder tun. Das wusste sie. Genau das gefiel ihr an ihm. Mehr, als sie sich eingestehen wollte. Doch derselbe Zug, der ihn faszinierend machte, war auch der, der ihn in Gefahr brachte. Seine Impulse, sich selbst an den Rand zu führen, um zu lernen. Um zu begreifen. Rühmlich.
Und kurzsichtig. Das konnte sie nicht gestatten.
Aelthyria trat durch das Portal.
Moonshire erwartete sie bereits und erstarrte. Nicht augenblicklich – nicht wie bei einer pl?tzlichen Ankunft. Sondern wie ein K?rper, der den Atem anh?lt, lange bevor der Schlag erfolgt. Aelthyria trat aus dem Portal in den Thronsaal. Die Runen des Bodens verlagerten sich unter ihren Fü?en, nicht sichtbar, aber spürbar. Linien glitten neu ineinander, als h?tte das Schloss selbst beschlossen, seine Ordnung zu justieren. Konstrukte hielten inne, K?pfe senkten sich minimal. Nicht aus Gehorsam. Aus Instinkt.
Zeit war hier kein Ma?. Nur Anwesenheit.
Ihr Blick glitt über den Saal. Zu leer. Zu still. Keine Vaelthrys. Keine Gesandten. Keine Hexen.
Ungew?hnlich.
Die kosmischen Augen über dem Thron flackerten tr?ge, als h?tten sie l?ngst erkannt, was sie erst noch begreifen wollte. Aelthyria blieb stehen, lie? ihren Willen ausgreifen – nicht suchend, sondern fordernd.
Da.
Ein Schatten l?ste sich aus einer S?ulenreihe. Ceryne trat hervor. Unterwürfiger als sonst. Schultern leicht gesenkt. Blick gesenkt, aber nicht blind. Das allein genügte.
?Sprich“, sagte Aelthyria.
Ceryne z?gerte nur einen Herzschlag. ?Es gab einen Tumult bei der ersten Prüfung.“
Aelthyria verzog keine Miene.
?Keiner der Anw?rter war würdig“, fuhr Ceryne fort. ?Sie wurden dem Kreislauf zurückgeführt. Alle.“
Ein leiser Nachhall von Blut lag noch in der Luft des Saals. Aelthyria nahm ihn wahr, wie man eine falsche Note erkennt.
?Thalyra und Silvara?“ fragte sie.
?Haben sich zurückgehalten“, antwortete Ceryne schnell. ?So weit es… m?glich war.“
Natürlich.
Aelthyria wandte sich ab. Ging die Stufen des Throns hinab, langsam, kontrolliert. Das Schloss folgte ihr. Runen an den W?nden glühten auf, verebbten wieder. Ein Flüstern ohne Worte, als würde Moonshire berichten wollen – und doch schweigen.
?Und mein Stern?“ fragte sie schlie?lich.
Ceryne hob den Blick. Zum ersten Mal Unsicherheit.
?Er ist… verschwunden.“
Stille.
?Vael?“ fragte Aelthyria.
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?Sucht ihn“, sagte Ceryne. ?Seit Stunden.“
Ein schwaches Ziehen ging durch die Blutresonanz. Kein Alarm. Kein Schmerz.
Aber Nervosit?t.
Aelthyria nickte best?tigend. ?Du hast deine Pflicht erfüllt.“
Ceryne erstarrte einen Moment – dann verneigte sie sich tiefer als n?tig und zog sich zurück in den Schatten, erleichtert und beunruhigt zugleich.
Aelthyria blieb nicht stehen und verlie? den Thronsaal. Die Korridore Moonshires ?ffneten sich vor ihr wie Adern. Hohe B?gen, in denen Runen langsam tanzten, nicht verspielt – aufmerksam. Das Schloss wusste, wohin sie ging. Es wusste es immer. Ihr Blick glitt über Stein und Licht, ohne wirklich zu sehen.
Gedanken formten sich.
Ein Tumult.
Alle unwürdig.
Und er… verschwunden.
Natürlich konnte er das Konstrukt t?uschen. Natürlich hatte er es getan. Ein L?cheln huschte über ihre Lippen – und verging ebenso schnell. Naiv. Ungehorsam. Und genau deshalb gef?hrlich. Er trug diesen Zug in sich, den sie so früh erkannt hatte. Den Drang, an die Grenze zu treten, um zu verstehen. Um zu lernen. Nicht aus Trotz – sondern aus Notwendigkeit. Rühmlich. Und untragbar. Die Runen an den W?nden reagierten st?rker, je n?her sie kam. Licht sammelte sich, zog sich zurück, als würde Moonshire selbst flüstern: Hier entlang.
Sie lie? die Blutresonanz vorsichtig fühlen. Da war er. Nerv?s. Wach. Und sich seiner Lage nur allzu bewusst. Aelthyria hielt nicht inne. Sie würde sich erst ein Bild machen.
Ihn sehen. Ihn messen. Und dann entscheiden, ob Sorge Strafe wurde – oder Trost.
Der Dampf lag schwer über dem Bad und verschluckte die Konturen des Raumes, als wolle er verbergen, was l?ngst geschehen war. Das Wasser glomm matt, gespeist von Runen unter der Oberfl?che, warm genug, um Gedanken tr?ge zu machen. Zu tr?ge. Aelthyria blieb im Schatten des Durchgangs stehen. Das Schloss hatte sie eingelassen, ohne zu z?gern. Mauern, Runen, uralte Mechanismen – sie reagierten auf sie, nicht umgekehrt. Moonshire wusste, wer sie war. Es atmete ruhiger in ihrer N?he.
Aethyrael lag im Becken. Reglos. Der K?rper entsprach der Ruhe des Wassers, doch sein Geist nicht. Sie spürte es sofort. Unruhe, die nicht aus Angst geboren war, sondern aus etwas Tieferem. Ein Kreisen. Schuld ohne Richtung. Gedanken, die immer wieder an derselben Stelle h?ngen blieben. Er bemerkte sie nicht. Noch nicht. Vael trat ihr entgegen. Aelthyria hielt nicht an. Sie verlangsamte nur minimal. Ein Blick genügte. Vaels Augen waren müde, aber klar. Keine Frage darin. Kein Zweifel. Sie kannten sich zu lange für Worte. Vael nickte kaum merklich. Aelthyria erwiderte es ebenso knapp. Ihre Finger berührten Vaels Schulter im Vorübergehen. Kein Trost. Kein Befehl. Nur Best?tigung. Dann lie? sie sie zurück.
Aelthyria glitt weiter, verschmolz mit dem Dampf, mit den Schatten zwischen den S?ulen. Nicht verborgen – anwesend, ohne gesehen zu werden. Gleichgewicht und Ordnung waren keine Ideale für sie. Sie waren Zustand. Der Stern kreiste nur in einer Umlaufbahn. Er geh?rte einer einzigen Sonne. Und diese teilte ihren Stern nicht.
Aelthyria richtete ihre Aufmerksamkeit vollst?ndig auf das Kind. Sie brauchte keinen vollen Blick. Ein Streifen seiner Gedanken genügte. Ein Riss – und er ?ffnete sich. Bilder flackerten auf. Der Kopf des Magiers. Getrennt vom K?rper. Der Moment des Begreifens, eingefroren.
Kein Bild für ein Kind.
Sie zog sich sofort zurück. Mehr war nicht n?tig. Die Blutresonanz antwortete. Sie kroch aus dem Unsichtbaren hervor, wie Nebel, der sich erinnert, dass er eine Farbe hat. ?therisches Rot, das sich durch den warmen Dampf schl?ngelte, leise, lebendig. Ihre Runen pulsierten azurblau im Kontrast dazu, ein ruhiger, kontrollierter Rhythmus. Aelthyria bewegte sich mit der Resonanz. Nicht hinter ihr. Nicht vor ihr. Als w?re sie selbst nichts anderes als dieser Wille. Als die Resonanz das Wasser berührte, spürte sie es sofort. Ein Puls. Klein. Unregelm??ig. Am Arm.
In diesem Moment riss Aethyrael den Blick hoch. Seine Gedanken brachen auseinander. Er drehte sich hastig, versuchte, den Arm hinter seinem Rücken zu verbergen. Ungeschickt. Reflexhaft. Kindlich. Ein fast rührender Versuch.
Aelthyria lie? ihn gew?hren. Noch.
Sie trat aus dem Schatten, nun sichtbar, und betrachtete ihn offen. Ma? ihn. Nicht sein ?u?eres – seine Reaktion. Die Art, wie er zurückwich, einen Schritt tiefer ins warme Wasser. Kein Misstrauen. Respekt. Doch Respekt ?nderte nichts. Es gab kein Entkommen. Aelthyria machte einen Schritt in das Becken. Das Wasser nahm sie auf, als h?tte es nie etwas anderes getan. Der pulsierende Nebel war schneller als jede Bewegung, schloss sich um ihn, erreichte ihn, bevor er einen weiteren Schritt setzen konnte.
Und dann hatte sie ihn.
Sie zog ihn zu sich. Langsam. Nicht mit Kraft. Nicht mit Eile. Wie etwas, das man in Ruhe genie?t. Wie ein Dessert, das man nicht teilt. Noch immer sagte sie kein Wort.Noch immer hielt er den Arm hinter seinem Rücken verborgen. Als er ihre H?he erreichte, schwebte er leicht, eingehüllt im blutroten Nebel der Verbindung. Warmes Wasser, ?therisches Licht, ihre Aura wie ein Gewicht, das nicht drückte -sondern festlegte. Geduldig, unausweichlich und vollkommen in ihrer Hand.
Aelthyria hob die H?nde. Langsam, besitzergreifend, legte sie sie an seine Wangen. Ihre Finger waren warm, ihre Berührung ruhig, unumst??lich. Die Daumen strichen ihm über das Kinn, eine Geste, die N?he versprach – und Kontrolle.
?Warum bist du so still?“ fragte sie schlie?lich leise.
?Sonst so ungezügelt. Und nun so in dich gekehrt.“
Keine Antwort. Wie erwartet. Schweigen war auch eine Antwort. Die Blutresonanz zog sich enger um ihn, kaum merklich, wie ein Atemzug, der zu lange anhielt. Sie neigte den Kopf minimal, musterte ihn.
?Erz?hl mir von deinem Tag, mein Kind.“
Nun regte sich etwas. Sein Blick wich aus. Worte kamen, z?gerlich, vorsichtig gesetzt. Er erz?hlte von Ruhe, von Gehorsam, von Stunden, die er angeblich brav in den Gem?chern verbracht hatte. Zu glatt. Zu ordentlich. Fast überzeugend. Fast. Aelthyria sagte nichts. Ihre H?nde blieben an seinem Gesicht. Mit jeder Frage, die sie stellte, zog sich die Schlinge enger, reagierte auf ihre Stimme, auf ihre Geduld. Schlie?lich brach es. Widerwillig r?umte er ein, dass er das Konstrukt fortgeschickt hatte. Auf eine Aufgabe, die es niemals h?tte bew?ltigen k?nnen. Wie niedlich. Und klug.
Ihre Lippen hoben sich kaum merklich. Kein L?cheln – noch nicht. Die Entscheidung fiel nicht mit Zorn, sondern mit seinem Versuch, sich herauszuwinden. In diesem Moment. Erst die Strafe. Dann der Trost. Halbwahrheiten lie? sie ihm nicht durchgehen. Bei anderen vielleicht. Bei ihm niemals. Und das lie? sie ihn spüren. Die Blutresonanz konnte berauschen. Sie konnte w?rmen, tragen, tr?sten. Doch sie konnte ebenso züchtigen oder brechen. Und manchmal – so wie jetzt – war sie beides zugleich. Emotion nur klarer, eskalierter, ohne laut zu werden.
Ihr Blick blieb gütig.
Ihr L?cheln jedoch war eisig.
Und ihre Fragen schnitten scharf.
?Weiter.“
Keine Antwort.
Beachtlich.
Die Resonanz ver?nderte sich. Was zuvor nur Druck auf seine Gedanken gewesen war, nahm nun eine k?rperlich spürbare Form an. Schmerz, klar umrissen, unmissverst?ndlich. Er verzog das Gesicht. überraschung blitzte in seinen Augen auf.
Gut.
Aelthyria l?chelte nun offen und strich ihm gütig über die Wange, als wolle sie ihn beruhigen.
?Mein kleiner Stern“, sagte sie sanft, ?scheint mir dazu zu neigen, seine Umlaufbahn zu vergessen.“
Sie trat n?her, so nah, dass sich ihre Stirn an seine legte. Die Runen auf ihrer Haut pulsierten wissend, best?tigend.
?Wie mir scheint, warst du dir der Konsequenzen deines Handelns bewusst“, fuhr sie fort, ruhig, unnachgiebig.
?Und doch naiv genug zu glauben, du k?nntest mir entkommen.“
Seine Augen weiteten sich.
Nun begriff er. Nicht, weil sie es erkl?rte - sondern weil er fühlte, dass sie es l?ngst wusste. Dass es nichts gab, was er wirklich verbergen konnte. Zumindest noch nicht und je l?nger das so bleiben würde, desto besser.
?Dein Streben danach zu verstehen ist rühmlich“, sagte sie weiter.
?Doch ich kann nicht akzeptieren, dass deine reine, kindliche Seele so früh durch das Schicksal niederer, sterblicher Existenzen beschmutzt wird.“
Er wollte widersprechen doch sie lie? es nicht zu. Ihre Stimme schnitt dazwischen, bestimmend und kalt.
?Auch dein niedlicher Versuch, mir eine halbe Wahrheit als ganze zu verkaufen, war kühn. Doch Kühnheit schützt nicht vor Strafe.“
Die rot schimmernde Resonanz zog sich enger. Der Schmerz blieb klar umrissen, pr?zise, ohne Laut. Sein K?rper verriet ihn dennoch – jeder Muskel spannte sich, jeder Atem stockte. Aelthyria senkte den Blick kurz, dann hob sie ihn wieder.
?Und dann versuchst du auch noch, den Schnitt an deinem kostbaren Gef?? vor mir zu verbergen.“
?Du geh?rst mir l?ngst, mein Kind.“
Ihre Stimme war warm, beinahe tr?stend, als spr?che sie eine Wahrheit aus, die l?ngst keiner Best?tigung mehr bedurfte.
??onen habe ich gewartet, nicht aus Gier - sondern aus Geduld.“
Die Runen an ihrer Haut glommen ruhig, gleichm??ig. Es war kein Zorn, nur Gewissheit.
?Ein Stern kennt seine Bahn. Nicht, weil man ihn zwingt, sondern weil alles andere für ihn unvorstellbar w?re.“
Die Resonanz legte sich sanft um ihn, wie eine schützende Umarmung — zu eng, um ihr zu entkommen.
?Denkst du wirklich, ich lie?e zu, dass du dir selbst schadest?“
Ein leises, beinahe bedauerndes L?cheln.
?Sei es an deiner Seele…“
Die Resonanz zog sich weiter zusammen.
?…oder an deinem K?rper.“
Die Aura pulsierte best?tigend.
?Ich allein entscheide, wann und wo du dieses Schicksal erf?hrst.“
Sie neigte den Kopf leicht.
?Und noch etwas. Mein Blut flie?t in deinen Adern, mein Stern. Seit dem Tag deiner Sch?pfung.“
Die symbiotische Verbindung folgte ihrem Willen. Sein Arm bewegte sich widerwillig aus dem Versteck hinter seinem Rücken hervor. Mit zusammengebissenen Z?hnen hielt er den Blick auf ihr Gesicht gerichtet, als sie den Schnitt sah. Aelthyria l?ste den Verband langsam, beinahe z?rtlich, und heilte die Wunde mit einer beil?ufigen Bewegung, als w?re sie nie dagewesen. Dann sah sie ihn erneut an. Sie fühlte das Chaos in ihm, die Zerrissenheit, sowie das Ringen mit sich selbst. Ein Mysterium – selbst für ihn.
Nun war es Zeit für Trost. Sie zog ihn an sich in eine feste, besitzergreifende Umarmung. Kein Z?gern. Kein Zweifel. Er erwiderte sie aus freien Stücken.
Keine Entschuldigung n?tig.
?Du kannst es mir erz?hlen“, flüsterte sie leise an seinem Ohr.
?Oder du zeigst es mir.“
Es blieb beim Schweigen, stattdessen ?ffnete sich die Verbindung. Sein Tag entfaltete sich vor ihrem inneren Auge - seine List die Erkundung, die Prüfung. Und das, was er hatte mit ansehen müssen. Nichts für ein Kind. Und doch – er war nicht zerbrochen. Ein stilles Zeichen dafür, dass die primordialen Gene, die sie ihm vererbt hatte, zu blühen begannen. Dass seine Metamorphose voranschritt. Ein zufriedenes L?cheln legte sich auf ihre Lippen.
Sie flüsterte ein letztes Mal:
?Verheimliche mir nie wieder etwas, mein Kind.“
Ein sinnlicher Geschmack limbischer Rosen benetzte ihre Lippen. Eine zarte Pflanze, die niemals verwelkt, sondern in ewig w?hrender Blüte steht. Ein Kreislauf der Metamorphose, der kein Ende kennt. Wie das Aroma seiner kindlichen Unschuld und primordialen Zugeh?rigkeit. Selbst der Geruch war berauschend. Er stillte Sehnsucht und Verlangen. Und all das — geh?rte ihr allein. Bis in alle Ewigkeit.
Neue Gew?nder formten sich um ihn, sauber, würdig. Von einem matten Schwarz. Tiefrot schimmernde Runen mit Kragen und Kapuze verwoben. Ihre Hand glitt ein letztes Mal durch sein Haar.
?Ein kleiner Stern verl?sst niemals die ihm zugedachte Umlaufbahn“, sagte sie ruhig.
?Ohne seine Sonne ist er verloren. Zu allein und zu schwach“

