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Kapitel 9 - Ironie des Lebens

  So ein Mist! Ich dachte, Amadeus w?re leicht zu überzeugen. Sein Glaube jedoch ist viel zu stark. In seinen Augen ist das hier ein Test Gottes, den er bestehen muss, und eines Tages wird sein Leid schon enden. Irgendwo hat er ja auch recht: Sie werden nicht für immer in diesem Waisenhaus bleiben. Aber ist das ein Grund dafür, es einfach auszusitzen? Das kann nicht sein Ernst sein.

  Bevor Charles noch etwas sagen konnte, ver?nderte sich Amadeus’ Gesichtsausdruck. Schlagartig wurden seine Augen kalt und durchdringend. Jegliche Emotion war verschwunden. Bisher kannte Charles diesen Blick nur aus den Erz?hlungen von Valentin.

  Das ist wohl derselbe Blick, mit dem Maya die anderen ansieht, wenn sie wütend wird.

  ?Charles? Kann es sein, dass du gerade versuchst, mich zu manipulieren und gegen Maya aufzustacheln?“

  Jegliche Farbe verschwand sogleich aus dessen Gesicht.

  Verdammt! Er hat mich durchschaut. Dabei hatte ich es so gut geplant. Ich sch?tze, Amadeus kann ich damit abhaken.

  ?Was? Nein! Wo denkst du hin?“, fragte Charles, w?hrend er das Gesicht verzog. Mit einem Kopfschütteln erg?nzte er: ?Ich glaube, du hast mich einfach missverstanden. Anscheinend habe ich mich etwas komisch ausgedrückt.“

  Für einen Moment starrte ihn Amadeus weiterhin an, bevor sich seine Gesichtszüge entspannten und er Charles anl?chelte.

  ?Wenn das so ist, dann tut es mir leid, dir so eine seltsame Frage gestellt zu haben.“

  Indessen warf Charles einen Blick in die Küche und sah, wie die anderen das Essen nach drau?en brachten.

  ?Hey, ihr beiden k?nntet ruhig mit anpacken, anstatt faul dazusitzen“, sagte Valentin, der beide H?nde voll mit St?cken hatte, an deren Ende mariniertes H?hnchenfleisch hing.

  Direkt hinter ihm stand Maya, welche ein Feuerzeug aus der Tasche holte und zum bereits vorbereiteten Steinkreis ging. Dort fing sie an, das trockene Gras in Brand zu setzen. Innerhalb weniger Sekunden fra? sich die Flamme durch die ?ste und das Holz, bis nach ein paar Minuten bereits ein ansehnliches Lagerfeuer entstanden war.

  Mit einem Grinsen verkündete sie: ?Voilà! Zeit zum Grillen, Leute.“

  Na sowas! Die scheint ja echt Erfahrung damit zu haben, Dinge anzuzünden.

  Da ihm bereits das Wasser im Mund zusammenlief, nahm sich Valentin einen der H?hnchenspie?e, welche er zuvor in den Waldboden gesteckt hatte, und begann zu grillen. Charles tat es ihm gleich und griff sich einen der Schaschliks, die Caleb aus der Küche gebracht hatte. Dieser hingegen hielt gleich zwei von ihnen ins Feuer. Schmunzelnd sah Charles in Calebs Richtung, der ihm zunickte und grinste.

  Der eine ist vermutlich für seine Angebetete.

  Nachdem Rochelle eine Runde ums Lagerfeuer gegangen und jedem ein Glas selbstgemachte Limonade überreicht hatte, lehnte sie sich an einen Baum und beobachtete die Situation aus dem Hintergrund.

  Pl?tzlich h?rte Charles eine M?dchenstimme hinter sich: ?Was für eine Eigenbr?tlerin. Andererseits war sie schon immer so. St?ndig ernst und distanziert.“

  Direkt neben ihm nahm Maya Platz.

  ?Hier, Charlie, willst du einen? Sie sind auch nicht vergiftet, versprochen“, kicherte Maya, ehe sie ihm eine Tüte Marshmallows hinhielt.

  ?Woher? Ach, eigentlich will ich das gar nicht wissen.“

  Maya steckte den Schaumzucker auf den Stock, welchen sie bereitgehalten hatte, und lie? ihn in der Flamme r?sten. Mit der anderen Hand strich sie sich eine Haarstr?hne übers Ohr, zog ihren Rollkragenpulli zurecht und fragte: ?H?ltst du mich für ein Monster?“

  Die Augen von Charles weiteten sich. Sofort drehte er den Kopf, um sich zu vergewissern, dass diese Worte gerade wirklich von Maya kamen.

  ?Entschuldigung, kannst du das bitte nochmal wiederholen?“

  ?Du hast mich schon verstanden, mein lieber Charlie.“

  Nachdem er für eine Weile ins Feuer geschaut hatte, erwiderte Charles, ohne sich zu ihr zu drehen: ?Wie soll ich die Frage beantworten? Ich verstehe einfach nicht, warum du ihnen das antust. Sind sie nicht deine Freunde?“

  Die Mundwinkel von Maya senkten sich langsam. In ihren Augen hingegen entfachte etwas. Es wirkte, als k?nnte ihr Blick von absolut gar nichts aufgehalten werden. Eine Entschlossenheit, die Charles noch nie zuvor gesehen hatte.

  ?Die Welt unterscheidet nicht zwischen Freund und Feind. Es gibt nur Herrscher und Untertanen. W?hrend die einen versuchen, m?glichst viel Kontrolle über die Geschehnisse der Welt zu erlangen, leisten ihnen die anderen Gehorsam und erhalten dafür Sicherheit. Alle, die eine vermeintliche Gefahr für den Frieden darstellen, sind automatisch Feinde, die unterworfen oder get?tet werden. Diejenigen, bei denen das nicht funktioniert, aber deren Ressourcen dennoch nützlich sein k?nnten, gewinnt man als Freunde. Zumindest solange, bis man auch sie zu seinen Untertanen machen kann. So war es schon immer und so wird es auch immer sein. Nicht jeder ist zum K?nig geboren. Anders als es uns beigebracht wird, ist n?mlich nicht jeder Mensch gleich. Manche sind talentierter als andere oder k?rperlich weiterentwickelter.“

  Sie deutete mit dem Daumen in Richtung Caleb, bevor Maya ihre Hand wieder in den Scho? fallen lie? und fortfuhr: ?Jedoch ist die Rolle des Herrschers eine sehr undankbare. Kontrolle erreicht man nicht durch nette Worte, Charlie. Manchmal ist man dazu gezwungen, Dinge zu tun, welche andere verachtenswert finden k?nnten. Moral hat in einer Monarchie nichts verloren. Kontrolle muss auf jeden Fall sichergestellt werden. Selbst wenn dies Opfer bedeutet.“

  Charles biss sich auf die Lippe. Da Maya allerdings schon so ehrlich war, zwang er sich letzten Endes, das zu sagen, was ihm schon die ganze Zeit durch den Kopf ging: ?Für mich scheint es so, als würde dir das Spa? machen, diese Opfer zu bringen.“

  ?Was ich genie?e, ist nicht die Gewalt, nicht die Angst oder das Blutvergie?en. Das Einzige, was mich erfüllt, ist das Wissen, alles im Griff zu haben. Ich beschütze mein K?nigreich und jeden, der darin lebt. Egal mit welchen Mitteln!“

  Anschlie?end reichte sie Charles den Marshmallow, streichelte ihn ungefragt über den Kopf und ging dann zu Caleb, der ihr das Steak reichte, welches er für sie ins Feuer gehalten hatte. Sprachlos starrte ihr Charles hinterher.

  Tzz, was bildet die sich ein? Ich verstehe zwar, was sie mir damit sagen m?chte, doch ihr Ansatz ist definitiv zu drastisch. Nicht alles ist kontrollierbar im Leben. Auch wenn sie sich um die anderen zu kümmern scheint, geht sie definitiv zu weit, wenn diese ihre Regeln missachten. Maya, egal wie sch?n du es verpackst, am Ende sind wir alle blo? Opfer von dir.

  Aus heiterem Himmel stützte sich jemand mit den H?nden auf seine Schulter.

  ?Na, Kumpel? Was geht?“

  Ohne sich umzudrehen wusste er bereits, wer sich zu ihm gesellen wollte. Mit einem Sprung schwang sich diese Person direkt über ihn und machte einen Handstand.

  ?Jetzt setz dich schon hin, Kumpel!“, sagte Charles, der durch die Last etwas zusammensackte, aber dennoch mit hochgezogenem Mundwinkel nach oben blickte.

  Mit einem breiten Grinsen kam Valentin wieder auf den Boden zurück und setzte sich neben ihn. Nach kurzem Schweigen ergriff Charles das Wort: ?Das war echt nett, wie du dich für mich eingesetzt hast. Du hast recht, ich spreche nicht gerne über … du wei?t schon. Es ist … sehr schwierig für mich.“

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  Die fr?hliche Miene von Valentin verschwand und er starrte mit verschr?nkten Fingerspitzen ins prasselnde Feuer.

  ?Ich bin selber nicht so stolz auf meine magischen Kr?fte, Charles. Ich wuchs in einer Gemeinschaft von Leuten auf, die gegenüber Magiern, sagen wir mal, schlecht eingestellt sind. Sei es aus Neid, Angst oder anderen Gründen. Mir war das allerdings komplett egal. Meine Eltern liebten mich über alles und da ich ein Einzelkind war, schenkten sie mir ihre ganze Aufmerksamkeit. Der Tag, an dem sie erfuhren, dass ich magische Kr?fte hatte, ?nderte jedoch alles. Zuerst waren es nur Blicke. Du wei?t schon, diese Augen, die voller Abscheu und Entt?uschung auf dich herabschauen. Die dir sagen, dass es besser w?re, wenn du gar nicht existierst. Danach h?rte langsam jegliche Art der Zuneigung auf. Sie umarmten mich nicht mehr. H?rten auf, mich zu tr?sten, wenn ich mich verletzte. Lie?en mir keine Bücher mehr zum Einschlafen vor und so weiter.“

  Sogleich l?sten sich Valentins H?nde.

  ?Ich versuchte verzweifelt, diese Verbindung zu Ihnen wiederherzustellen, doch es war vergebens.“

  Wortlos beobachtete Charles, wie die Flammen vom Feuer in Richtung des Nachthimmels tanzten.

  ?Und wie ging es dann weiter?“, fragte er schlie?lich.

  Valentin atmete tief ein und noch tiefer aus.

  ?Ich fand Trost in meinen Romanen. Sobald ich ein Buch aufschlug, war ich in einer anderen Welt, voller sch?ner Erz?hlungen über Liebe. Und es ging nicht immer blo? um zwei Menschen. Manchmal gab es sogenannte Liebesdreiecke, die für Drama und Tragik sorgten. Ich las ununterbrochen. In den Pausen, nach der Schule, abends im Bett und sogar auf dem Klo. Diese Bücher lie?en mich das fühlen, was früher ganz normal für mich gewesen war, aber an das ich mich mittlerweile kaum noch erinnern konnte. Vermutlich bin ich mir meines Glücks einfach zu sicher gewesen oder hatte unheimliches Pech. Was auch immer davon zutrifft, ich hasse meine magischen Kr?fte nicht.“

  Die Augen von Charles weiteten sich.

  ?Sie m?gen mir eine Menge Schmerzen bereitet haben, doch ohne ihre Hilfe w?re ich damals wahrscheinlich gestorben. Es ist schon ironisch, wie das Leben zugleich fair und unfair sein kann. Manchmal verliert man Leute, die einem wichtig sind, nur um sp?ter wiederum neue kennenzulernen und festzustellen, dass diese einen noch viel gr??eren Platz in deinem Herzen eingenommen haben. Solange man etwas hat, was einen mit den anderen verbindet, ist man immer wieder in der Lage, nach einem Niederschlag auf die Fü?e zu kommen und von vorn zu beginnen.“

  Diese Worte berührten Charles auf eine Weise, die er schwer in Worte fassen konnte. Genau wie er hatte Valentin seine Eltern durch die unfreiwillig erworbenen magischen Kr?fte verloren. Zwar auf eine etwas andere, allerdings nicht wirklich schmerzlosere Weise. Beide Jungen sa?en eine Weile lang still da.

  Das meinte er also damals mit ?selber eine schwere Zeit hinter sich haben“. Ich nehme mal stark an, dass die anderen ebenfalls ihre ganz eigene traurige Geschichte haben.

  Daraufhin lie? Charles seinen Blick umherschweifen. An einem Baum stand Rochelle und a? ein Rindersteak. M?glichst unauff?llig blickte sie dabei abwechselnd in seine und Mayas Richtung. Nacheinander haute sich Caleb ein Stück Fleisch nach dem anderen rein und Amadeus st?berte in der Bibel, w?hrend er an seinem H?hnchenspie? knabberte.

  Dann brach Valentin das Schweigen und scherzte: ?Man k?nnte ja fast meinen, dass es sch?dlich für deinen K?rper ist, so wie du dem Gemüse ausweichst.“

  Dabei verwies Valentin auf das Schaschlik von Charles, der penibel die Zwiebeln abgepflückt hatte.

  ?Gift ist grün und Gemüse ist grün. Au?erdem wissen wir beide, wer das Essen besorgt hat. Wenn es schon meine letzte Mahlzeit ist, will ich zumindest keinen ekligen Gemüsegeschmack im Mund.“

  Valentin hob seine Augenbrauen und blinzelte.

  ?Wow, Charles, dein Humor ist so schwarz, dass selbst die Nacht neidisch wird!“

  Beide fingen an zu lachen und erz?hlten einen Witz nach dem anderen.

  Als Charles sich vor Lachen kaum halten konnte und fast vom Baum fiel, sah er im Augenwinkel das Gesicht von Maya. Augenblicklich erstarrte er. Was Charles zu sehen bekam, lie? ihn das Blut in den Adern gefrieren. Maya fokussierte Valentin mit einem unheimlich düsteren Blick. Pure Mordlust brodelte in ihren Augen.

  Ach du Schei?e … Das h?tte ich fast vergessen. Ich muss Valentin unbedingt warnen!

  Ehe Charles anfangen konnte zu sprechen, stand Valentin auf und erhob sein Glas zu einem Toast: ?Auf unseren neuen Kumpel, Charles. Er ist vielleicht etwas seltsam, aber ein wirklich feiner Kerl.“

  Seltsam? Ich soll seltsam sein? Neben jemandem wie dir seltsam zu wirken, ist faktisch unm?glich!

  Innerlich kicherte Charles, bis ihn seine Sorgen recht schnell wieder einholten.

  Mist! Das ist wirklich kein guter Moment für sowas. Jetzt muss ich warten, bis sich der Abend wieder beruhigt hat.

  Seine Stirn in Falten gelegt schaute er zu Valentin, der mit einem breiten Grinsen sein Glas in die Luft hielt.

  Wenn du wüsstest, in was für einer Gefahr du schwebst, Kumpel.

  Bis auf Maya erhoben nun alle ihre Gl?ser und schrien im Chor: ?H?RT, H?RT.“

  Nachdem sie alle getrunken hatten, flüsterte Caleb etwas in das Ohr von Maya. Ihre Augen beruhigten sich wieder und Mayas übliches, charmantes L?cheln erschien. Sie nickte den anderen Kindern zu und binnen weniger Sekunden waren alle bis auf Charles in der Holzhütte verschwunden. Ein paar Sekunden sp?ter erschienen die Kinder mit einer gro?en Plane.

  ?Komm schon, Charlie, leg dich drauf!“, forderte ihn Maya auf und streckte ihre Hand aus.

  Zuerst hielt Charles inne. Doch dann traf sein Blick die strahlenden Augen von Valentin. Ihm entwich ein leises Seufzen, bevor er sich einen Ruck gab.

  Auf dem Rücken liegend betrachtete Charles den n?chtlichen Himmel in seiner vollen Pracht.

  Wie wundersch?n … Wann habe ich mir eigentlich das letzte Mal die Sterne angesehen?

  Je genauer er hinschaute, desto mehr hellfunkelnde Sterne entdeckte Charles am Firmament. Fast so, als wollten sie ihn auf einen neuen Pfad führen. In eine neue Zukunft, für die sich Charles bis vor Kurzem kaum interessierte. Schlie?lich wollte er vor zwei Wochen noch sterben. Mittlerweile hatte er einen neuen Sinn in seinem Leben gefunden. Es existierten nicht mehr allein Wut und Trauer in ihm. Nun empfand er auch Angst, Freude, überraschung und bei dem Gedanken an das Gemüse sogar Ekel.

  Komisch, ich fühle mich irgendwie zufrieden, obwohl ich gegen eine verrückte Magierin k?mpfe, mit einem taktlosen Romantiker befreundet bin und meine einzige Hilfe aus einer reinen Strategin besteht, die mit mir zwei Worte pro Tag wechselt, wenn es hochkommt. Vielleicht bin ich doch etwas seltsam.

  Gleich darauf packten die Kinder die Plane an verschiedenen Seiten, spannten sie fest und lie?en diese zusammen mit Charles auf- und abhüpfen. Jedes Mal, wenn sie ihn hochwarfen, wirkte es für ihn, als k?nne er die Sterne berühren. Die Kinder jubelten. Gemeinsam riefen sie aus tiefstem Herzen: ?Willkommen in unserer Freundesgruppe, Charles.“

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