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88. Emmanline

  Langsam zwang Emmanline sich, sich zu l?sen, sich von dem Moment zu trennen, an dem sie so fest hing. Erst als sie sich umdrehte, bemerkte sie, dass sie nicht alleine war. Fast alle seine Geschwister standen hinter ihr. Kaum hatte sie den Blick zu ihnen gewendet, stoben die meisten auseinander, als sei ihnen die Atmosph?re unbehaglich. Nur die kleine Malatya und Lya blieben. Ihr ging es kaum anders, doch sie lie? es sich nichts anmerken. Doch etwas hatte sich ver?ndert… zum ersten Mal konnte sie die Namen anderer aussprechen, ohne dass es ihr unangenehm war. Ein kleiner, aber bedeutsamer Moment, der ihr zeigte, dass sie begonnen hatte… sich selbst und die Welt um sich herum anzunehmen.

  ?Meine Kleine, du solltest jetzt schleunigst wieder in den Unterricht zurückgehen“, sagte Lya sanft zu Malatya.

  ?Nein! Ich will aber nicht. Ich würde gerne bei Emmanline bleiben!“, trotzte die Kleine und verschr?nkte ihre kleinen Arme vor der Brust, w?hrend sie ihre Wangen aufbl?hte.

  ?Du kannst nicht dauernd den Unterricht ausfallen lassen. Du musst lernen“, seufzte Lya.

  Malatya wehrte sich weiter, doch Emmanline konnte nicht anders, als vor ihr in die Hocke zu gehen, um ihr auf Augenh?he zu begegnen. ?Mach dir keine Gedanken“, sagte sie sanft und legte eine Hand auf Malatyas Wange. ?Ich werde noch immer hier sein, wenn du mit dem Unterricht fertig bist. So schnell werde ich nicht davonlaufen.“

  Traurig blickte Malatya sie an. ?Wirklich?“

  ?Wirklich“, bekr?ftigte Emmanline und nickte. Ein letztes Mal umarmte Malatya sie und verschwand dann, offenbar ungeduldig, dass der Unterricht schnell vorüberging.

  ?Du hast wirklich einen gro?en Einfluss auf Malatya“, erklang eine sanfte, warme Stimme hinter ihr. Emmanline drehte sich zu der Stimme um und sah Lya vor sich stehen. Sie h?tte etwas sagen sollen, doch die Worte schienen ihr im Hals stecken zu bleiben. Stattdessen l?chelte Lya sie sanft an, und das überraschte sie, gab ihr aber auch ein kleines Gefühl von W?rme.

  ?Komm, lass uns ein Stück spazieren gehen“, schlug Lya vor und hakte sich unerwartet unter Emmanlines Arm. überrumpelt lie? sie sich mitziehen, doch innerlich empfand sie diese kleine N?he als tr?stlich.

  Für einen Moment gingen sie schweigend durch den Hof, den Garten entlang, bis sie schlie?lich in den Wald eintraten, an den Ort… an dem Emmanline sich am liebsten zurückzog, wenn sie allein sein wollte. Doch dieser Ort war l?ngst kein reiner Rückzugsort mehr. Viel zu oft waren hier unerwartete Dinge geschehen. Malatya, die sich in einen Drachen verwandeln konnte, der erste Moment, als Lucien sie auf dieser Lichtung entdeckt hatte, oder die schockierende Erinnerung an die Asche, in der sie damals alles vorgefunden hatte. Umso erstaunlicher war es, wie sich die Natur jetzt von ihrer sch?nsten Seite zeigte… wie ein Ort, der Wunden heilte und M?glichkeiten ?ffnete.

  Seit sie Lucien das erste Mal begegnet war, wusste Emmanline, dass ein einfaches Leben in Freiheit nie wieder so sein würde wie früher. Er hatte ihr Dinge gezeigt, von denen sie nie zu tr?umen gewagt hatte… M?glichkeiten er?ffnet, die sie ohne ihn nie gesehen h?tte. Alles war neu, überraschend, wundervoll, und sie konnte sich ein Leben ohne ihn inzwischen kaum noch vorstellen. Dieser Mann hatte einen festen Platz in ihrem Inneren eingenommen… jemand, der ihr Türen ?ffnete, ohne dass sie wusste, welche Wege dahinter lagen.

  ?Was bedrückt dich?“ Lyas Stimme holte sie sanft aus ihren Gedanken. Emmanline hatte kaum bemerkt, wie tief sie versunken war. Einen Moment lang war sie sprachlos, dann sammelte sie sich. Es stimmte… sie war nachdenklich, ein wenig unsicher, und sie wusste nicht so recht, wie sie anfangen sollte, geschweige denn, wie sie all das erkl?ren k?nnte. ?Lass dir Zeit, Emmanline“, sagte Lya mit einem L?cheln, das Ruhe ausstrahlte. Sie hatte etwas Anmutiges an sich, war aufmerksam und freundlich… Eigenschaften, die Emmanline bewunderte und gleichzeitig an die vielen Widersprüche erinnerten, die sie bei den Drachen erlebte. ?Hier ist es wirklich wundersch?n“, sagte Lya weiter, als wechselte sie das Thema und trat n?her an ein Meer von bunten Blüten heran. ?Alles duftet so wunderbar und wohltuend, dass ich mich sofort wohlfühle. Du hast das alles selbst erschaffen?“ Sie sah Emmanline erwartungsvoll an. ?Ich kann verstehen, warum du deine Zeit hier so gerne verbringst.“

  ?Dieser Ort hier war für mich immer wie ein Zufluchtsort“, begann Emmanline leise. ?Doch mittlerweile hat sich so vieles ver?ndert. Ich… habe mein ganzes Leben unter euresgleichen verbracht… kannte eure Regeln, eure kleinen Eigenheiten… wusste, wie ihr denkt und handelt. Dafür habe ich lange gebraucht… um es zu lernen. Aber jetzt…“ Ihre Stimme wurde rau, abwesend, als würde sie weit in die Vergangenheit zurückgehen. ?Jetzt habe ich das Gefühl… euch überhaupt nicht zu kennen. Ich sehe, wie sehr ihr einander beschützt, zusammenhaltet, wie ihr vertraut und liebt… und das, obwohl es eurer Natur widerspricht. Für mich ist das verwirrend, fast unm?glich zu verstehen. Ich begreife nicht wirklich… was Vertrauen bedeutet, was Liebe hei?t, geschweige denn, ein solches Leben zu führen.“ Emmanline konnte Lya nicht ansehen, doch sie h?rte ihr aufmerksam zu. Ihre Blicke trafen sich nicht, ein drückendes Schweigen legte sich zwischen ihnen, aber es wirkte nicht negativ, nur schwer von unausgesprochenen Worten.

  ?Ich wei? nicht, was du alles durchgemacht hast, und… ich will es auch gar nicht wissen“, sagte Lya sanft, ?aber ich sehe genug, um zu verstehen, wie sehr du gelitten hast. Das hast du nicht verdient, und jeder hier wei? das. Vor allem Lucien. Man müsste blind sein, um nicht zu erkennen, wie eng ihr verbunden seid.“

  ?Genau das ist es“, flüsterte Emmanline. ?Lucien sagt, ich sei… seine Seelengef?hrtin, seine zweite H?lfte.“

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  ?Ja“, best?tigte Lya, ihre Stimme ruhig und warm, w?hrend ihr meerblaues, zusammengeflochtenes, dickes Haar ihr zartes Gesicht umrahmte, worauf ihre azurblauen Augen perfekt schimmerten. ?Lucien und sein Drache erkennen dich als ihre vorherbestimmte Seelengef?hrtin an. Sie wollen dich, dich beschützen, lieben und immer an deiner Seite sein. Ihre Natur hindert sie daran, dich gehen zu lassen. Selbst du kannst es nicht… nicht wahr?“

  Emmanline konnte nicht lügen, auch wenn sie es gerne getan h?tte. ?Nein… ich kann es nicht. Am Anfang verstand ich nicht, warum ein Teil von mir sich so tief zu ihm hingezogen fühlte. Mit der Zeit wurde es immer komplizierter… und ich spürte, dass etwas nicht stimmte. Erst sp?t erkannte ich, dass ich ihm nahe sein wollte, ihn beschützen wollte, und dass all das unbewusst begann. Am Ende überkam mich Panik, Angst vor diesen Gefühlen… vor den Handlungen, die ich nicht wollte…“ Emmanline senkte ihren schneewei?en Schopf, ihr K?rper versteifte sich, das Herz schlug rasend in ihrer Brust. Jeder Schlag hallte durch ihren K?rper, wie ein dr?hnendes Echo in ihrem Kopf, fast schmerzhaft intensiv.

  ?Du musst keine Angst haben. Lucien würde dir niemals wehtun“, versicherte Lya sanft.

  ?Ich wei?. Ich spüre, wie sehr er sich bemüht. Aber trotzdem… ich begreife noch nicht ganz, was es bedeutet, seine Gef?hrtin zu sein. Niemals k?nnte ich das sein, was ich für ihn zu sein scheine. Ich bin vollkommen anders als ihr oder irgendjemand sonst.“ Emmanline schaute zum klaren blauen Himmel, die Sonne stand hoch und w?rmte, doch ihr Inneres fühlte sich schwer und unruhig an.

  Neben ihr h?rte Emmanline ein leises Lachen. Irritiert blickte sie zu Lya, die sie warm und ruhig ansah. ?Vermutlich genau deshalb“, begann Lya, ?weil du anders bist. Hast du je bemerkt, wie unbewusst du so vieles tust? Ich wei? nicht, ob es allen so erging, aber ich erkannte von Anfang an etwas Einzigartiges in dir. Du bist einfach du selbst, und gerade das macht dein Wesen aus. Schau dich um… siehst du, was du alles bewirkst?“ Ihr Blick glitt über die farbenpr?chtige Umgebung um sie herum. ?Wir sind Raubtiere, dazu f?hig, mehr zu nehmen, als zu geben. Sicher versuchen wir, gerecht zu sein. Aber du… du gibst mehr, als irgendjemand verlangt. Unbewusst… und verlangst kaum etwas zurück. Du denkst kaum an dich selbst. Doch genau das solltest du. überlege einmal, was du wirklich willst… was dir am Herzen liegt, was dich glücklich macht. Auch du hast ein Recht darauf… genauso wie jeder andere.“ Emmanline blieb stumm, erschüttert von diesen Worten. Ihr Herz raste, ihr Atem stockte, und sie wusste nicht, ob er vor Aufregung schlagen oder stillstehen sollte. Lya hatte recht... sie hatte sich nie Gedanken über ihre eigenen Wünsche gemacht. Alles, was sie tat, war gegeben, nie genommen. Bis jetzt. ?Glaube mir, Emmanline“, fuhr Lya fort, ?Lucien wird alles tun, damit du glücklich bist, selbst wenn er dich nicht gehen lassen kann. Nie zuvor habe ich ihn so erlebt. Normalerweise nimmt mein Bruder, was er begehrt... weil er es kann. Nicht aus Pflicht oder Macht, sondern weil es seine Natur verlangt. Wir k?mpfen für das, was uns wichtig ist, für das, was wir lieben. Alles, was er für dich empfindet, ist genauso. Wenn du uns wirklich kennst, wei?t du, wovon ich spreche. Drachen sind erbarmungslos, eigensinnig und stur... und trotzdem schützen wir das, was uns lieb ist, um jeden Preis.“

  Emmanline blieb still, sprachlos und tief bewegt. Alles, was Lya sagte, hallte in ihr nach. Sie dachte an die letzten Stunden mit Lucien zurück… an den Tag, den sie gemeinsam erlebt hatten. Selbst im Moment ihres Todes hatte er bei ihr gewacht. Sie hatte seinen Abgrund aus Traurigkeit und Verletzlichkeit gesehen… eine Seite von ihm, die sonst niemand zu Gesicht bekam. Es hatte ihr Herz schmerzlich getroffen. Dieser Mann war au?ergew?hnlich, m?chtig und doch empfindsam.

  ?Soll ich dir etwas verraten, das es für dich vielleicht einfacher machen würde?“ Lyas samtartige Stimme holte sie aus ihren Gedanken.

  ?Ja… bitte.“ Emmanline sehnte sich danach, es zu h?ren.

  ?Sei einfach so, wie du bist, und verstelle dich nicht“, sagte Lya ruhig. ?Lucien wird dir zeigen, wie sehr er dich braucht. Nicht, weil das Schicksal dich auserw?hlt hat, an seiner Seite zu stehen, sondern weil du genau die Richtige für ihn bist. In deiner N?he scheint er einen ruhigen Pol gefunden zu haben… etwas, das ihn ausgleicht. Du h?ltst ihn im Gleichgewicht, und genau darin liegt seine wahre St?rke. Verstehst du, was ich meine, Emmanline? Lucien wird dich mehr brauchen als alles andere, und er wird sich nicht davor scheuen… es dir zu zeigen.“ Lya schüttelte langsam ihren Kopf, was ihr meerblaues Haar leicht wippen lie?. ?W?hrend der Tage, die mein Bruder mit dir in seinen Gem?chern verbracht hat, war seine Trauer für jeden spürbar. Jeder wusst… dass du gestorben warst. Er a? nicht, trank nicht und verlie? das Zimmer kein einziges Mal. Er wollte nur bei dir sein… um dich trauern. So kannten wir ihn nicht. Doch es beherrschte ihn. Du beherrschst ihn.“

  Wusste Lya überhaupt, was sie von ihr verlangte? Emmanline hatte das Gefühl, als erwarteten alle, dass sie Luciens Seite bis in alle Ewigkeit nicht mehr verlassen würde. Und dennoch regte sich tief in ihr dieses beklemmende Gefühl, dass es niemals so einfach sein würde. Es war nicht fair… in keiner Weise. Und doch flüsterte eine leise Stimme in ihr, dass sie bleiben müsse.

  An seiner Seite.

  Der Gedanke erschreckte Emmanline. Es fühlte sich egoistisch an… fast grausam. Denn sollte Lucien jemals etwas geschehen, würde sie sich schuldig fühlen. Wenn ihre düstere Vorahnung Wirklichkeit wurde, dann würde sein Untergang auch der ihre sein. Ihr Herz und ihre Seele würden daran zerbrechen, je tiefer Emmanline sich darauf einlie?. Am Ende w?re sie machtlos, denn niemand konnte dem Schicksal entkommen. Oder etwa doch?

  Ihr Weg würde schwer sein, das wusste Emmanline. Alleine würde sie ihn nicht bew?ltigen k?nnen. Und egal, wie sehr sie sich dagegen str?ubte… eine Ver?nderung war unausweichlich. Ihr Schicksal hatte sich l?ngst entschieden, und ab diesem Moment würde sie nicht mehr allein gehen müssen. Doch sollte sie darüber glücklich sein oder vorsichtig? Sie vermochte nicht zu sagen, wie weit all das führen würde.

  Lyas Worte hallten noch immer in ihr nach, doch Emmanline brachte nichts hervor. Die Stille wurde zu ihrem einzigen Begleiter, w?hrend ihre Gedanken wie ein Sturm durch sie hindurch fegten. Was auch immer kommen mochte, sie musste nach vorn schauen. Sie musste standhalten, denn sie hatte es versprochen. Nicht nur Lucien… der sie um Hilfe gebeten hatte, sondern auch ihrer Mutter. Emmanline konnte nicht mehr davonlaufen. Nie wieder. Also würde sie bleiben und abwarten, was das Schicksal für sie bereithielt, solange sie die Kraft dazu hatte. Denn eines wusste sie sicher... das Leben liebte unerwartete Wendungen. M?ge das Schicksal entscheiden… ein Entrinnen gab es nicht.

  Absolut nie…

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