Lucien traf keinen einzigen Drachen auf den G?ngen, doch er wusste, dass sie überall waren und spürte, dass er unterwegs war. Eine kluge Entscheidung, ihm jetzt aus dem Weg zu gehen. Zus?tzliche St?rungen konnten er gerade nicht verursachen. Mit gro?en Schritten durchquerte er den Korridor, bis er vor der Tür zu seinem Arbeitszimmer stand. Er wusste genau, wer sich dort befand. Ein Teil seiner Geschwister war anwesend… es war Zeit, etwas zu unternehmen. Die Zeiten der Ruhe waren vorbei.
Ohne anzuklopfen trat er ein und lie? seinen Blick durch die Runde schweifen. Lya, Charia... offenbar zurückgekehrt nach den Vorf?llen... Aiden und sogar Cyrill waren da. Sofort richtet sie sich auf, als er den Raum betrat. Am meisten überraschte ihn Cyrill. Nie h?tte er gedacht, dass sein Zwillingsbruder nach allem, was geschehen war, hier sein würde. Cyrill wirkte professionell, doch in seinen grünen Augen lag eine tiefe Resignation, und die Schuldgefühle, die ihn qu?lten, waren für jeden sichtbar.
?Lucien.“ Lya war die Erste, die sprach. Sie w?ren am liebsten auf ihn zugestürmt und h?tten ihn umarmt... doch offensichtlich hielt sie sich zurück, vermutlich wegen seines Gesichtsausdrucks. Dennoch machte er eine einladende Geste, die Lya sofort annahm. Sie landete in seinen Armen. Sie brauchte diese N?he… und er vermutlich auch. Sie waren ein Volk, das Zuneigung und Trost durch Berührung ausdrückte. ?Den G?ttern sei Dank.“ Ihr Blick sagte mehr als Worte. Lucien las die unausgesprochene Frage in ihren Augen.
?Mir geht es gut“, antwortete Lucien leise und richtete sich dann an die kleine Runde.
Nach kurzem Z?gern meldete sich Aiden zu Wort: ?Was… was ist mit Emmanline?“
Kein Wunder... selbst in ihm steckt die gr??te Sorge. Jeder h?tte es ohnehin bemerkt, wenn seine Seelengef?hrtin tot gewesen w?re. In einem solchen Fall w?re er nicht hier erschienen, nicht einmal anwesend. ?Ihr geht es gut. Sie schl?ft“, antwortete Lucien ruhig.
Ein entsetztes Auf folgendes Atmen. ?Wie… wie ist das m?glich? Sie war… tot!“, stie? Cyrill hervor. ?Ich... ich habe es... gesehen.“
?Emmanline lebt, und es wird verdammt noch einmal so bleiben“, bekr?ftigte Lucien mit fester Stimme. Dann war es wohl Zeit, dass sie einiges erfuhren. ?In Emmanline steckt etwas, das ich noch nicht deuten kann. Sie ist nur zur H?lfte eine Elfe, aber was die andere H?lfte betrifft... bin ich mir unschlüssig. Es muss etwas Unbekanntes sein, und ich werde es herausfinden. Einmal sagte sie zu mir, nichts und niemand k?nnte sie t?ten.“ Gut, dass er die Tür hinter sich geschlossen hatte... dieser Raum war nun vollkommen abgeschirmt, nichts würde von au?en nach dringen. ?Unsterblichkeit ist bei uns etwas Natürliches, aber nicht in dieser Form. Der Pfeil war mit einem Parasitengift getr?nkt, genau dasselbe wie bei Garett. Das hat sie mir gesagt. Es h?tte uns t?ten k?nnen… aber nicht sie. Nicht nach dem, was ich gesehen habe.“
?Aber h?tte Emmanline dich nicht dann auch so heilen k?nnen, wie bei Garett?“, fragte Cyrill nach einem Moment des Nachdenkens.
Lucien seufzte innerlich. ?Vielleicht ja, aber es kommt vielleicht auch darauf an, wo der vergiftete Pfeil landet... ob er sofort t?dlich wirkt oder nicht. Ich wei? ja nicht, wie lange Garett schon mit dem Parasitengift vergiftet war. Auch mir behagt der Gedanke nicht, dass Emmanline sich dafür in die Schussbahn geworfen hat, aber… leider war es genau dieser Fall. Und ich bin mehr als erleichtert, dass ihr Herz wieder in ihrer Brust schl?gt.“ Ein Stück Erleichterung schlich sich in sein Herz, doch die Situation wurde dadurch nicht besser. Immer noch hatte sie ihr Leben für ihn riskiert.
Eine t?dliche Stille legte sich über den Raum... eine Stille, die ihm merkwürdig vorkam. Gerade wollte Lucien nachfragen, was los sei, als sein Blick auf einen Gegenstand auf seinem Schreibtisch fiel. Halb eingewickelt in Stoff, doch die Pfeilspitze ragte heraus, an der getrocknetes Blut und eine leicht grünliche Substanz hafteten. Sofort erkannte er, was es war: der Pfeil, der in Emmanlines Brust gesteckt hatte. Sein Gesicht verfinsterte sich m?rderisch und sein Drache knurrte t?dlich in der Stille.
?Den hat Garett uns zukommen lassen“, erkl?rte seine Schwester Charia sachlich und ruhig. ?Mit freundlichen Grü?en an dich. Er wird sich mit dir in Verbindung setzen. Recht seltsam… wenn du mich fragst.“ Ihre Augen verengten sich.
Das war wohl das zweite Thema, das Lucien ansprechen musste. Er erz?hlte die ganze Geschichte, w?hrend er sich in seinen bequemen Stuhl sinken lie?. Alle anderen verlie?en die Sofaecke und zogen Stühle vor seinen Schreibtisch. Leicht war es keinesfalls, aber schwere Zeiten standen bevor. Lucien berichtete alles... vom Kampf mit Garett bis hin zur Schlacht. Ausgenommen blieb, was im Zelt mit Emmanline vorgefallen war oder an der Quelle... das ging niemanden etwas an. Es kam zur Sprache, in welchem Zusammenhang das Ganze mit den dunklen Fae stand, der Krieg mit den Elfen, das Anzetteln von Streit zwischen Drachen und Lykae. Und dass es noch weitaus schlimmer kommen würde, wenn ein ganzer Krieg in der Mythenwelt ausbrechen sollte... allein durch die dunklen Fae. Das st?rte ihn am meisten.
?Wir dürfen ihnen keine weiteren Gelegenheiten geben, sich herauszunehmen, dass sie tun k?nnen, was sie wollen. Es wird Zeit, dass wir ihnen eine klare Grenze setzen. Darum habe ich mit Garett eine übereinkunft getroffen, dass wir in dieser Hinsicht zusammenarbeiten. Wir wissen nicht, was die dunklen Fae noch alles geplant haben oder wen sie als N?chstes aufmischen. Diese Bastarde haben einen weitaus gr??eren Vorsprung als wir. Sie konnten schon viel l?nger planen, als es uns m?glich war... und wer wei?, wie viel genau. Da wir noch am Anfang stehen, bedeutet das auch, dass wir klein anfangen und Kompromisse eingehen müssen. So, wie es bereits der letzte K?nig getan hat.“ Sein Vater, der offenbar l?ngst geahnt haben musste, dass etwas geschehen würde.
Lucien wusste, dass er gerade eine m?chtige Bombe hatte platzen lassen, doch er musste es tun. Wenn sie nicht bald handelten, würde alles unaufhaltsam den Bach runtergehen. Sie konnten froh sein, nicht von den Lykae überrannt worden zu sein. Verluste hatten sie beide zu beklagen... aber nicht durch die Lykae. Da blieb nur eine Frage... seit wann waren die dunklen Fae in der Lage, solch m?chtige T?uschungszauber zu wirken, ohne dass jemand es bemerkte?
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?Also schl?gst du einen Pakt zwischen uns und den Lykae vor?“ Charia runzelte die Stirn, ihre Miene eine Mischung aus Zweifel und Nachdenken.
?Ja. Ich habe es vorgeschlagen. Wir k?nnen nicht ewig so weitermachen. Ich habe bereits mit Raiden darüber gesprochen. Verbündete w?ren in diesem Krieg genau das, was wir brauchen. Wir wissen nicht einmal, was oder wer uns als N?chstes angreifen wird. Die Lykae und die Engel allein w?ren bereits zu viel, sollten wir gegen sie in einen offenen Krieg ziehen. In dieser Zeit w?ren wir extrem verwundbar. Wir k?nnten niemals mehrere Fronten gleichzeitig abwehren… es würde uns vernichten. Wir brauchen Verbündete... eindeutig. Garett hat eingewilligt, und ich w?re t?richt, diese Chance nicht zu nutzen. Ihnen würde es genauso ergehen wie uns. Garett ist zwar nicht der K?nig… doch solange Dyade abwesend ist, muss er handeln. Uns bleibt keine andere Wahl... nicht, wenn wir unser Volk und die schützen wollen, die wir lieben. Es geht um Verbündete an unserer Seite. Garett w?re nicht so dumm, uns in einen Hinterhalt zu locken. Auch er braucht Unterstützung und Verst?rkung. Sie haben ebenfalls viele Opfer zu beklagen.“ Lucien wusste es nun endgültig... es gab keinen anderen Weg. Er hatte geahnt, dass sie im ersten Moment sprachlos sein würden. Doch er wusste auch, dass sie letztlich genauso handeln würden wie er. Jeder wollte sein Volk schützen. Jeder wollte seine Liebsten bewahren. Es würde auf nichts anderes hinauslaufen. Und am Ende z?hlte die Entscheidung des K?nigs. Sie konnten beraten, warnen, widersprechen... doch sie würden sich fügen müssen.
?Vielleicht ist es… keine verkehrte Entscheidung. Es k?nnte wirklich nicht schaden, wenn wir Verbündete h?tten. Wenn es wirklich stimmt, dass die dunklen Fae solche Hinterhalte planen, dann müssen wir handeln. Ich habe von den überf?llen in den Territorien der Lykae geh?rt.“ Es war Charia, die gro?e Befehlshaberin, die sprach. Schon von klein auf wusste jeder, dass sie dazu geboren war, eine Streitmacht anzuführen. Sie traf kluge Entscheidungen, auch in schwierigen Situationen. Lucien erkannte, dass es dumm w?re, ihr K?nnen nicht auszunutzen. Gerade jetzt brauchten sie jeden einzelnen Krieger und jede Kriegerin... unersetzlich und wichtig.
?Warum glaubst du daran, dass die Lykae uns nicht in einen Hinterhalt führen?“, fragte Lya besorgt. Ihre Stimme spiegelte reine Sorge wider.
Cyrill kam ihm zuvor: ?Weil Emmanline Garett das Leben gerettet hat… und wir ihn nicht get?tet haben.“
?Wir müssen sie beschützen. Egal, was kommt... vor allem vor Culebra.“ Aidens Stimme ert?nte ruhig, entschlossen. Lucien hatte im Stillen mit dieser Reaktion gerechnet.
Es war an der Zeit, etwas anderes mitzuteilen... etwas, das andere als schockierend empfinden würden. Aber es musste gesagt werden. ?Ich habe euch noch etwas mitzuteilen.“ Er schloss kurz die Augen und lie? seinen Blick über jeden Einzelnen in der Runde schweifen. Dann verharrte er ausdrücklich bei Aiden. ?Emmanline geh?rt allein mir. Sie ist meine vorherbestimmte Seelengef?hrtin.“ Doch dann… mit dieser Reaktion hatte Lucien nicht gerechnet. Er sah in ihre Augen und erkannte, dass sie überhaupt nicht überrascht waren.
?Da erz?hlst du uns nichts Neues“, sagte Lya leise lachend. ?überall an dir haftet ihr Geruch, und wir wissen, dass du sie als dein Eigen ansiehst. Au?erdem ist es auch so nicht zu übersehen… wie du sie anschaust... wie du dich um sie bemühst.“ Ein warmes, herzliches L?cheln huschte über das Gesicht seiner jüngsten Schwester. Ihre azurblauen Augen strahlten pure Freude und Glück für ihn aus, und Lucien spürte, wie sein Herz schwer wurde vor Rührung. Alle schienen ihm das von Herzen zu g?nnen... nur Aiden wirkte verbittert. Natürlich würde es ihm nicht gefallen... seine Gefühle für Emmanline waren aufrichtig und tief. Lucien hatte ihn stets als Konkurrenten betrachtet, doch jetzt fiel ihm auf… Aiden hatte nie wirklich etwas unternommen, obwohl er so darauf bestanden hatte, um sie zu werben. Und noch etwas wurde ihm klar... Emmanline hatte nie das geringste Anzeichen gezeigt, sich für Aiden zu interessieren.
Lucien wunderte sich nicht l?nger, warum diese wunderbare Frau sich zu ihm hingezogen fühlte. Ihre Verbindung machte es verst?ndlich, doch es war keine Selbstverst?ndlichkeit. Nach allem, was er ihr angetan hatte, war sie bei ihm geblieben. Sein Respekt und seine Zuneigung zu ihr wuchsen mit jedem Moment… in dem sie sich tiefer in seinem Herzen einnistete.
Pl?tzlich stand Aiden auf, fuhr sich resigniert durch sein bleich-blondes Haar. ?Entschuldigt mich.“ Ohne ein weiteres Wort verlie? er den Raum.
?Na, da hast du ja etwas platzen lassen“, meinte Charia trocken, nachdem ihr Untergebener verschwunden war.
?Und doch war es l?ngst überf?llig“, fügte Cyrill ruhig hinzu.
Es stimmte. Offenbar hatten alle darauf gewartet, dass Lucien Emmanline endlich ?ffentlich als seine Seelengef?hrtin und Frau anerkannte. Eine gro?e Erleichterung durchstr?mte ihn… der Druck, der so lange auf seiner Brust gelastet hatte, fiel ab. Endlich fühlte er sich freier, offener… und jetzt würde auch niemand wagen, seine Gef?hrtin anzurühren. Niemand würde versuchen, sich zwischen sie zu stellen, denn sie geh?rte ihm.
?Ich freue mich so für dich, mein Bruder.“ Lya l?chelte warm und herzlich. Sie g?nnte es ihm von ganzem Herzen, denn sie wusste, dass Liebe das gr??te Geschenk im Leben war… besonders, wenn der vorherbestimmte Gef?hrte oder die Gef?hrtin einem geschenkt wurde. Niemand konnte sich dagegen wehren, denn diese Verbindung war einmalig. Die zweite H?lfte, auf die man im tiefsten Inneren immer gewartet hatte… auch wenn niemand damit gerechnet und sich davor geschützt hatte.
Insgeheim hatte Lucien stets darauf gewartet, sie zu finden. Er mochte niemals damit gerechnet haben, doch Emmanline hatte er so vieles zu verdanken. Unbewusst hatte sie ihn aus seiner H?hle gelockt... aus der er sich geschworen hatte, niemals mehr herauszukommen… aus der er sich vor seiner Verantwortung versteckt und gedrückt hatte. Emmanline hatte ihn dazu gebracht, endlich seine Bestimmung anzunehmen und den Thron zu besteigen, seine Verpflichtung als K?nig zu akzeptieren. Sie hatte ihm gezeigt, wie wertvoll das Leben sein konnte und was es bereithielt… welche wundervollen Dinge es zu bieten hatte. Lucien war alt und hatte all das schon gesehen… kannte die Welt in- und auswendig. Für ihn war vieles zur Selbstverst?ndlichkeit geworden, etwas, das keine Regung mehr in ihm ausl?ste. Mit der Zeit hatte sich Langeweile eingeschlichen. Und doch konnte er es nicht fassen. Durch Emmanline lie? er sich mitrei?en, entdeckte alles neu… aus einem v?llig anderen Blickwinkel. Aus ihren silbernen Augen.
Oh, ihr G?tter… warum kann ich es nicht oft genug sagen, wie sehr ich ihr verfallen bin, wie verloren ich bin? Sie ist mein Leben… und ich bin glücklich darüber. Ich würde es nicht überleben, sollte sie mir jemals genommen werden. Nicht noch einmal. Was ich in den letzten sechs Tagen erlebt habe... würde mich zerst?ren.
?Lucien, du solltest zu ihr zurückgehen. Sie wartet sicherlich auf dich.“ Die Worte rissen ihn aus seinen Gedanken. Beinahe h?tte er sie nicht verstanden, doch seine Schwester Lya hatte recht. Er musste zu ihr zurück. Schlie?lich musste er ihr noch erkl?ren… was sie für ihn war.
?Ja“, sagte Lucien leise.
?Nimm dir Zeit für sie. Sie wird sie am Anfang brauchen“, fuhr Lya fort und l?chelte ihn warmherzig an.
Auch das stimmte… und doch brauchte Lucien selbst noch einen Moment. Er wollte es richtig machen... nichts überstürzen, nichts falsch sagen. Wie sollte er es ihr nur schonend beibringen… ohne dass sie davonlief? Es würde schwer werden. Aber er gab sich selbst ein Versprechen... er würde ihr niemals wieder etwas verschweigen.
Alle bemerkten, dass Lucien noch einen Augenblick brauchte, also begab sie sich nach drau?en. Alle… au?er Cyrill .

