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Kapitel 7: Existenz und Besitz

  Die gro?e Halle von Limbus füllte sich langsam. Hohe Fenster lie?en das ged?mpfte Licht ferner Sterne hereinfallen. Kristalle in den W?nden glühten schwach und warfen Muster auf den Boden, die mehr andeuteten als erkl?rten. Diener, Konstrukte, Gelehrte und niedere Sterbliche wichen zurück, als Aelthyria auf ihrem Thron Platz nahm.

  Der Thronsaal war still.

  Nicht die Stille der Zurückhaltung. Nicht die der Angst vor falschen Worten. Es war eine Stille, die existiert hatte, lange bevor jemand den Raum betreten hatte — und die bleiben würde, wenn sie l?ngst fort waren. Der Boden bestand aus dunklem, glattem Material, weder Stein noch Metall. Er reflektierte kein Licht, sondern verschluckte es, als h?tte er kein Interesse daran, gesehen zu werden. Jeder Schritt der Sterblichen hallte zu laut, zu pr?sent, als h?tte der Raum selbst sie nicht einkalkuliert. Die Decke verlor sich in der H?he. Dort, wo ein Gew?lbe h?tte sein müssen, spannte sich etwas, das eher an einen unbeweglichen Nachthimmel erinnerte. Lichtpunkte glommen darin — zu fern, um Sterne zu sein, zu geordnet, um Zufall. Für die Hexen war der Saal ein Ort der Zusammenkunft. Für die Sterblichen war er ein Widerspruch.

  Artefakte ruhten entlang der W?nde, eingelassen wie organische Bestandteile der Architektur. Manche pulsierten tr?ge, andere lagen vollkommen reglos. Keines reagierte auf die Anwesenheit der limbischen Seelen. Nicht aus Verachtung. Aus Indifferenz. Sie waren nicht vorgesehen. Es gab keine Wachen. Keine sichtbaren Schutzmechanismen. Und doch lag über allem das unmissverst?ndliche Gefühl, dass jeder Gedanke, jede Regung bereits registriert worden war, noch bevor sie Form annehmen konnte.

  Aelthyria sa? auf ihrem Thron — nicht erh?ht durch Prunk, sondern durch Position. Der Sitz war weniger ein M?belstück als ein Fixpunkt. Ein Ort, an dem sich der Raum ordnete. Runen schwebten tr?ge um sie herum, fein, symmetrisch, von einer Pr?zision ohne Emotion. Die Sterblichen standen am Rand.

  Nicht angewiesen. Nicht zurechtgewiesen. Einfach … dort. Und genau das war falsch.

  Für sie war Limbus alles gewesen: Himmel, Abgrund, Geschichte. Ein abgeschlossener Kosmos aus Krieg, Magie und überleben. Hier jedoch existierte diese Ordnung nicht. Limbus war kein Zentrum. Nicht einmal ein Randgebiet. Nur ein Name unter vielen. Gespr?che der Hexen drifteten durch den Raum, leise, beil?ufig. Fragmente ohne Kontext: Ernten. Zyklen. Kollaps. Entscheidungen über Zeitr?ume, die kein limbisches Ma? kannten. Niemand erkl?rte etwas. Niemand hielt inne. Nicht aus Grausamkeit. Sondern weil Erkl?rung voraussetzt, dass Verstehen m?glich ist. Einige der Sterblichen senkten den Blick, unf?hig zu sagen, wovor genau. Andere starrten, suchten Halt in Details — Formen, Licht, Struktur. Doch der Raum bot keinen Anker. Ihre Welt war vollst?ndig gewesen. Hier war sie unzureichend.

  Aethyrael jedoch stand anders.

  Auch er passte nicht hierher — aber nicht auf dieselbe Weise. Ein Artefakt an der Wand flackerte einen Moment, als sein Blick darüberglitt. Eine Rune nahe des Thrones ver?nderte für den Bruchteil eines Augenblicks ihren Rhythmus. Weder erkannt noch abgelehnt. Wie eine kurze Neubewertung der Situation. Aelthyria bemerkte es.

  Natürlich tat sie das. Ihr Blick ruhte einen Moment l?nger auf ihm, dann wandte sie sich ab. Keine Geste. Kein Zeichen. Doch etwas hatte sich ver?ndert — nicht im Raum, sondern in der M?glichkeit. Die Sterblichen waren hier, wo sie nicht sein sollten. Weder verboten noch verurteilt.

  Ein Fehler der Ordnung. Und der Thronsaal würde ihn nicht korrigieren.

  Der eiserne Sitz erhob sich wie eine dunkle Flamme aus dem Marmorboden, die Krone auf ihrem Haupt schien direkt aus den Zinnen und Türmen ihres Schlosses geschmiedet, als h?tte sie die Architektur selbst in sich getragen. Jeder im Saal spürte die Autorit?t, die von ihr ausging – eine Pr?senz, die selbst die unruhigsten Herzen erstarren lie?.

  Ein leises Pulsieren ging durch die Luft, subtil, aber unmissverst?ndlich. Aelthyria lie? ihre Blutresonanz flie?en, zun?chst kaum spürbar, dann st?rker – ein unsichtbares Band, das durch die Runen des Kindes leitete und alle Anwesenden gleichzeitig beeindruckte. Für die Niederen im Saal wirkte es wie Magie, überw?ltigend, fast unbegreiflich – und doch gefügig machend. Jeder spürte: Die Sch?pferin bestimmt, wer berührt, wer gesehen, wer gehandhabt wird.

  In dem Augenblick trat Aelthyria fast wie ein Schatten hinter ihn. In einer flie?enden Bewegung legte sie die Arme sanft um seine Schultern, besitzergreifend – ein unmissverst?ndliches Zeichen: Dieses Kind geh?rt allein mir. Die Pr?senz ihrer Blutresonanz durchstr?mte ihn – kein Schmerz, nur W?rme, Halt und ein leises Pulsieren, das Bindung, Autorit?t und Anspruch vereinte. Jeder Funke seines Trotzes verschwand, doch Neugier und Zynismus blieben, perfekt ausbalanciert.

  ?Seht genau hin“, begann Aelthyria, ihre Stimme wie flüssiges Metall – stark, ruhig, unaufhaltsam. ?Dies ist meine Sch?pfung. Nicht nur ein Kind, nicht nur ein Werkzeug. Er tr?gt das Erbe, die Macht und die Verantwortung, die ihr niemals vollst?ndig verstehen k?nnt.“

  Die Untergebenen, die ?ltesten Hexen und die niederen Sterblichen senkten ehrfürchtig die Augen. Sie spürten die geballte Macht der Blutresonanz, die wie ein lebendiges Netz durch den Saal floss. Die Runen des Kindes pulsierten im Einklang – jeder Schlag ein Echo der Sch?pferin selbst.

  Aethyrael hob kurz die Augen, der Horizont seiner Pupillen sichtbar, die unendliche Tiefe darin glimmend. Ein Schimmer der überraschung huschte über sein Gesicht – kein Unbehagen. Die Umarmung, die Pr?senz, das Pulsieren – alles war Teil eines Moments, der vorherbestimmt war. Er erkannte instinktiv: Alles war kalkuliert, nichts Zufall.

  ?Ihr werdet alle euren Platz kennen“, fuhr Aelthyria fort, die Blutresonanz nun subtiler, aber fest. ?Wer die Ordnung ignoriert, wird die Folgen spüren. Wer sich dem Fluss widersetzt, wird seinen Platz neu lernen müssen. Wer … meinem Kind zu nahe tritt, ohne Erlaubnis, wird vernichtet.“

  The story has been taken without consent; if you see it on Amazon, report the incident.

  ?Und nun“, sagte Aelthyria, ?werde ich euch zeigen, warum dies nicht nur ein Kind, sondern meine gr??te Sch?pfung ist.“

  Aethyrael spürte erneut den sanften Druck, die Resonanz in seinen Runen. Kein Schmerz. Nur ein leiser Hinweis, dass alles, was geschieht, in Liebe, Erziehung und Macht gebettet ist. Es war kein Zufall – es war Aelthyria. Immer.

  Die Untergebenen, ehrfürchtig in den Schatten stehend, konnten kaum atmen. Was sie sahen, war mehr als Magie. Die Blutresonanz der Sch?pferin, die durch Aethyrael floss, lie? die Runen des Kindes wie lebendige Leitungen pulsieren. Ein Strom, der gleichzeitig führte, schützte, korrigierte und demonstrierte, dass kein Sterblicher – kein Wesen, das nicht von ihrer Hand geschaffen wurde – je verstehen oder überleben k?nnte, was hier geschah.

  ?Siehst du?“, flüsterte Silvara mehr zu sich selbst. ?Das ist … nicht von dieser Welt. Nicht einmal ann?hernd. Selbst die ?ltesten Hexen der Dreizehn h?tten nicht die Kontrolle, die sie hier zeigt. Nicht einmal ansatzweise.“

  Aelthyria lie? ein kleines, selbstgef?lliges L?cheln über die Lippen huschen. ?Sie sehen alles und begreifen doch nichts“, murmelte sie fast ver?chtlich. ?Sterbliche, Diener, selbst jene, die sich Hexen nennen – sie verstehen nur Bruchstücke. Und doch bestaunen sie, was nur ich erschaffen habe.“

  Sie hob leicht die Hand, ein winziges Flimmern ihrer Blutresonanz zog durch die Halle, subtil, aber spürbar. Das Kind schwebte sanft, geführt, und die Runen unter seiner Haut pulsierten im Einklang. Für die Untergebenen wirkte es wie die Manifestation der Sch?pfung selbst – überw?ltigend, unbegreiflich, fast verh?hnend.

  ?Sieh genau hin“, sagte Aelthyria, die Stimme wie geschliffener Kristall. ?Dies ist meine Sch?pfung. Nicht nur ein Kind. Nicht nur eine Lektion. Nicht nur ein Werkzeug. Es ist … alles, was ihr niemals besitzen k?nnt.“

  Ein Raunen ging durch die Reihen. Die D?monin senkte den Blick, die Dunkelelfe hielt den Atem an, Cyrene konnte kaum fassen, was sie sah. Die Macht, die in diesem einen Wesen floss, war eine Demonstration, die jeden Sterblichen in die Knie gezwungen h?tte, h?tte Aelthyria es gewollt.

  Aethyrael spürte die Pr?senz, die ihn hielt. Kein Zwang, kein Schmerz. Nur die unübersehbare, unbestreitbare Ordnung seiner Sch?pferin, die ihm zeigte, dass jede Bewegung, jedes Pulsieren der Runen, jede Reaktion in diesem Raum durch sie gelenkt wurde – ein stilles, perfektes Gleichgewicht zwischen Macht und Fürsorge.

  ?Und doch“, fuhr Aelthyria fort, die Augen auf das Kind gerichtet, ?wird niemand au?er mir dich führen, schützen, korrigieren oder dir das Spiel der Macht erkl?ren. Du bist etwas, das nur ich erschaffen konnte. Ein Wesen, das meine Resonanz tr?gt – und mit dem niemand au?er mir jemals interagieren darf.“

  Ein kleiner Funke Schelmerei huschte über Aethyraels Gesicht, doch sie lie? ihn sofort spüren: Hier herrscht sie, und jede Rebellion, jedes Spiel, jede Neugier wird … registriert, korrigiert, geleitet.

  ?Siehst du, Aethyrael?“, flüsterte sie leise, fast wie ein Geheimnis zwischen Mutter und Kind. ?Dies ist dein Reich zu lernen. Und doch ist alles, was du siehst, unter meiner Hand – meine Sch?pfung, meine Macht, meine Kontrolle. Und das ist nur der Anfang.“

  Die Konstrukte und anwesenden niederen Hexen senkten ehrfürchtig die Augen. Sie wussten: Dies war keine Macht, sondern eine absolute Demonstration von Sch?pfungskraft. Sie sahen das Kind – und erkannten sofort: Es war niemals unabh?ngig von der ehrwürdigen Sch?pferin. Jeder Versuch, es zu verstehen, würde nur einen Bruchteil dessen offenbaren, was wirklich vor sich ging.

  Aelthyria wandte sich ab.

  ?Komm“, sagte sie ruhig.

  ?Deine pers?nlichen Gem?cher warten.“

  Er folgte. Nicht, weil er musste, sondern weil jeder Schritt, den sie vorgab, sich unvermeidlich anfühlte. Das Tor zu seinen pers?nlichen Gem?chern ?ffnete sich lautlos. Dahinter lag kein Prunk, sondern Ordnung: dunkler Stein, weiche Lichtlinien, Runen, die nicht leuchteten, sondern warteten. Der Raum fühlte sich alt an. Bewohnt. Nicht von Menschen – von Entscheidungen.

  Und dort standen sie. Zwei Gestalten, die nicht knieten.

  Die erste war hochgewachsen, schlank, elfenhaft, mit matt schimmernder Haut und geschwungenen H?rnern. Ihre Augen jedoch – golden, tief, ruhig. Auf der linken Wange verliefen Runen, linear und alt wie eine vergessene Sprache. Ihre imposante Erscheinung hatte etwas animalisches an sich. Etwas das ihm bisher noch nicht begegnet war.

  Die zweite Gestalt war st?mmig. Humanoid, muskul?s, analytisch. Kein Respekt aus Furcht – sondern aus Kalkül. Seine Augen und seine Erscheinung waren ein Bild das Aethyrael bereits kannt. Er dachte zurück an die drei Hexen und an Thalyra. Das muss als ein D?mon sein.

  Beide neigten den Kopf.

  ?Ehrwürdige Sch?pferin“, sagte die Frau ruhig. ?Das Kind ist … anders.“

  Der D?mon schnaubte. ?Sieht aus wie ein Problem.“

  Aethyrael hob die Augenbraue. ?Ich fühle mich geschmeichelt“, meinte er trocken.

  ?Nicht auf den Mund gefallen“, lachte der D?mon.

  Die geh?rnte Frau jedoch musterte ihn in aller Ruhe.

  ?Deine Runen“, sagte sie langsam, ?sind kein Text. Kein Siegel. Sie sind … Bewegung.“

  ?Und deine Runen sind eine absolute...“, wollte Aethyrael ansetzen. Doch er kam nicht weit. Noch bevor er die M?glichkeit hatte etwas kühnes zu erwiedern verstummte er.

  Ein leiser Hauch von Schwerkraft zog ihn nach oben. Kein Ruck. Kein Schmerz. Nur ein subtiler Verlust des Bodens.

  ?Nicht hier“, sagte Aelthyria ruhig.

  ?Nicht vor mir.“

  Der Druck war innen, subtil. Die Runen zogen sich enger um sein Herz, als h?tte jemand die Welt kurz angehalten. Erinnerung: Abh?ngigkeit. Ursprung. Ursache und Wirkung. Er ertappte sich dabei wie er l?chelte. Nicht aus Verlegenheit, sondern aus Trotz.

  ?Du lernst“, fuhr sie fort, ?dass die M?glichkeit zu Sprechen kein Freifahrtschein ist.“

  Ein Herzschlag. Dann lie? sie ihn wieder sinken. Sanft. Kontrolliert.

  ?… verstanden“, murmelte er.

  Die geh?rnte Frau neigte den Kopf. ?Schnell lernf?hig.“

  Der D?mon: ?Oder sehr lebendig.“

  Aelthyria legte ihm die Hand auf die Schulter, beanspruchend.

  ?Das sind jene, die dich begleiten werden“, sagte sie.

  ?Nicht, um dich zu kontrollieren. Sondern um dich zu formen.“

  Aelthyria deutete mit einer beil?ufigen Bewegung auf die geh?rnte Frau. ?Sie wird dir Runen erkl?ren. Und sie wird deine Bildung betreuen wenn ich es nicht kann“

  ?Und er“, sie zeigte auf den D?mon. ?Wird dir beibringen, wie man Kraft benutzt, ohne sie zu verschwenden.“

  Aethyrael sah zwischen beiden hin und her. Ehrliche Neugier flackerte auf.

  ?Dann“, sagte er überlegter, ?freut es mich … euch kennenzulernen.“

  Die geh?rnte Frau: ?Ich bin Vaelthrys.“

  Der D?mon: ?Kael.“

  Aelthyria zog die Hand zurück. ?Gew?hnt euch aneinander. Er bleibt unter meiner Aufsicht.“

  Ein kaum wahrnehmbares Glimmen lief durch Aethyraels Runen, synchron mit ihrem Blick.

  ?Und du“, fügte sie hinzu, ohne ihn anzusehen, ?wirst lernen: Wer testet, fühlt.“

  Er schnaubte leise, diesmal ohne Provokation. ?Klingt nach Lehrplan.“

  ?Nach Erziehung“, fügte sie leise hinzu.

  Und w?hrend sie den Raum verlie?, verstand Aethyrael etwas Entscheidendes: Er war nicht hier, um zu entkommen. Er war hier, um zu werden. Doch zu welchem Preis?

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