Der sü?lich schmeckende Schmerz zog sich zurück wie Nebel unter einer aufgehenden Sonne, doch in Aethyrael blieb ein Nachhall zurück – ein Flüstern des ?thers, das durch seine Runen hindurchsickerte, als würde die grundlegende Kraft des Kosmos selbst dieses Kind beobachten – interessiert, an dem unwissenden Erben, der zwischen den Welten stand. Der Garten schien zu atmen, seine Bl?tter raschelten in einem Rhythmus, der mit seinem Herzschlag synchron ging, und der Brunnen, dessen Wasser nun still dalag, reflektierte den Himmel oben: Limbische Monde in stillem Tanz, unerbittliche Sterne, die dem Chaos Richtung gaben. Vaelthrys’ Blick ruhte auf ihm, wartend, als wüsste sie, dass dieser Moment der Ruhe nur der Schleier vor dem wahren Sturm war.
Aethyrael stand still, die zitternden H?nde leicht über die schwebenden Grimoire erhoben. Licht und Schatten stritten immer noch, pulsierend und zerrend, als h?tten sie ein Eigenleben. Ein verspieltes Kichern trug der Wind zwischen die B?ume. Zu hell für diese Welt und zu leicht für das, was er fühlte. Vielleicht war es nur Einbildung. Er konnte es nicht mit Gewissheit sagen, doch es klang irgendwie schadenfroh. Das unscheinbar wirkende Grimoire der Gravitation zog w?hrenddessen in stiller Harmonie seine Bahnen um ihn, als h?tte es seine Umlaufbahn bereits gefunden – und mit all dem nicht das Geringste zu tun.
?Du siehst angestrengt aus, Kleiner“, murmelte Vaelthrys, ihre goldenen Augen funkelten hinter den schmalen Lidern. ?Sicher hast du etwas anderes erwartet als das.“
Ja, dachte er, am wenigsten habe ich jedoch erwartet, dass sich der sch?nste Ort des Schlosses seine erste Erinnerung mit Schmerz teilen muss. Oder vielleicht auch nur ein bedauerlicher Zufall? Mit Sicherheit nicht!
Aethyrael drehte sich langsam um und warf Vaelthrys einen fragenden Blick zu. Er musterte den Drachen in Elfengestalt ganz offen mit einem L?cheln, das keineswegs von Spa? und Freude zeugte. Er versuchte aus ihrer Haltung und Mimik zu lesen, doch das Einzige, was Aethyrael wahrnehmen konnte, war der verspielte Ausdruck in ihren tiefen goldenen Augen. Sie lie? ihn zappeln wie einen Fisch am Haken und genoss es. Zumindest machte sie den Eindruck, doch der konnte ebenso eine T?uschung sein, wie das Aussehen des Gartens, betrachtete man ihn von au?en.
?Ich genie?e jeden Atemzug, das sieht man doch“, entgegnete Aethyrael schnippisch.
Vaelthrys musterte ihn und neigte dann den Kopf, als lausche sie nicht ihm, sondern etwas Tieferem, das unter seiner Haut vibrierte.
?Schmerz ist kein Makel“, sagte sie schlie?lich ruhig. ?Er ist Ma? und Wegweiser zugleich.“
?Ein Ma? wofür?“ Seine Stimme klang fester, als er sich fühlte.
Vaelthrys’ L?cheln verlor für einen flüchtigen Herzschlag an Sch?rfe. Bevor sie antworten konnte, ver?nderte sich die Luft. Weder dramatisch noch mit Donner oder Licht. Sondern wie ein Atemzug, den der Garten selbst anhielt. Die Bl?tter verstummten. Der Brunnen kr?uselte sich einmal, als habe eine unsichtbare Hand die Oberfl?che berührt. Selbst das schadenfrohe Kichern verlor sich im Nichts, als h?tte es sich erschrocken. Aethyrael musste sich nicht umdrehen, er wusste wer es war.
?Geduld ist eine Tugend, mein Stern.“
Die Stimme war weder laut noch streng. Sie war einfach da. Wie das Licht, das man nicht bemerkt, solange es noch scheint. W?rme legte sich über seinen Rücken wie ein Mantel aus Sonnenstrahlen, die nicht brannten, sondern erinnerten. Die Monde im Wasser des Brunnens schienen einen Herzschlag lang stillzustehen. Aethyrael schloss für einen Moment die Augen, bevor er sich langsam wandte. Aelthyria stand wenige Schritte hinter ihm, nicht aus dem Nichts erschienen – vielmehr wirkte es, als sei sie schon die ganze Zeit Teil des Gartens gewesen. Als h?tte alles hier lediglich auf den Augenblick gewartet, in dem er sie wahrnahm. Ihr Blick fiel auf ihn, nicht prüfend, nicht streng – sondern aufmerksam. Stolz flackerte darin auf, und sie machte keine Anstalten, ihn zu verbergen.
?Ich lerne es zu ertragen“, entgegnete er trocken, auch wenn seine Stimme einen Hauch zu angespannt klang, um vollkommen gelassen zu wirken.
Ein sichtbares L?cheln legte sich auf ihre Lippen. ?Das tust du.“
Mit einer beil?ufigen Geste hob sie die Hand. Licht und Schatten gerieten augenblicklich ins Stocken. Das pulsierende Ringen zwischen ihnen verlor an Intensit?t, bis die beiden Grimoire wie zwei streitende Kinder wirkten, die pl?tzlich an ihre Manieren erinnert worden waren.
?Drei Affinit?ten“, sagte sie ruhig und trat n?her. ?Das ist ungew?hnlich. Selbst für jene, die als Stern geboren werden.“
Sie legte ihm eine Hand auf die Schulter, und die Unruhe in seinem Inneren, das Zerren zwischen Licht, Schatten und Gravitation, ebbte zu einem friedlichen Summen ab. Aethyrael spürte, wie die Last der Grimoires leichter wurde, als würde sie einen Teil des Gewichts für ihn tragen, ohne ihm die Kontrolle zu nehmen.
?Diese beiden“, sagte sie ruhig, ?sind nicht dein Anfang.“
Das Licht flackerte emp?rt auf. Die Schatten kr?uselten sich wie beleidigter Rauch. Aethyrael hob eine Braue.
?Sie schienen sehr überzeugt davon.“
?überzeugung ersetzt keine Notwendigkeit.“ Ihre Worte waren weich – und endgültig.
?Licht und Dunkelheit tragen Bedeutung. Doch Bedeutung ist kein Fundament.“ Ihre Augen glitten zu dem unscheinbaren Grimoire, das weiterhin still seine Bahn zog.
?Gravitation ist es.“
Aethyrael folgte ihrem Blick. Das Buch wirkte beinahe bescheiden zwischen dem dramatischen Flackern der anderen beiden. Vaelthrys trat einen halben Schritt zurück – keine Unterwerfung, eher Raum schaffend. Sie wandte sich den drei Gestalten zu, die immer noch in der N?he des Brunnens verblieben waren. Eine kurze Geste genügte. Thalyra, Silvara und Ceryne erhoben sich schweigend in stiller Harmonie, neigten respektvoll ihre H?upter und verschmolzen mit den Schatten des Gartens. Selbst die puppenhaften Konstrukte in Menschengestalt unterbrachen augenblicklich jede Arbeit oder Aufgabe, zu der sie verdammt waren, und verschwanden mit gesenkten Blicken und unterwürfiger Haltung in den Tiefen Moonshires.
Aelthyria l?chelte zufrieden auf ihn herab. Beide H?nde ruhten nun mit einem eisernen Griff auf seinen Schultern. Er fragte sich scherzhaft, wie weit ihn seine Fü?e wohl tragen würden, sollte er jetzt versuchen zu fliehen. Der letzte Rest kindlicher Naivit?t, der aus ihm sprach. Sie zog ihn besitzergreifend zu sich, so als h?tte sie mal wieder seine Gedanken gelesen oder entschieden, dass Festhalten allein nicht genug für sie war. Ihr Geruch wie immer sü?lich, mit einer Note von Kr?utern, die seine Sinne in einen d?mpfenden Nebel hüllten. Mit einer spielerischen Handbewegung deutete sie auf Licht und Schatten.
?Ihr habt eure Aufgabe erfüllt.“
Es war kein Befehl. Eher eine Feststellung. Licht und Schatten reagierten sofort. Die beiden Grimoire flackerten auf, als wollten sie ihre Existenz behaupten. Ein Zerren ging durch die Luft, beinahe trotzig. Und doch l?sten sich die beiden Werke auf – nicht in Staub, sondern in feine Partikel, die wie zerstreutes Leuchten zwischen den B?umen versanken. Kein Widerstand. Kein Aufbegehren. Nur das Ende eines Wegweisers. Zurück blieb die Gravitation. Unscheinbar, schwer und doch unverrückbar. Aethyrael schluckte. Der sü?liche Nachhall des vorherigen Schmerzes war noch nicht vollst?ndig verschwunden, und doch wusste er instinktiv, dass das, was nun folgen würde, eine andere Qualit?t besa?. Tiefer, ehrlicher und wahrscheinlich denkwürdiger.
?Ist es immer so?“, fragte er, ohne den Blick vom Buch zu l?sen. ?Dieser… Schmerz?“
?Nur wenn man mehr als rohe Kraft bereits in sich tr?gt“, antwortete sie ruhig. ?Die alte Sprache duldet keine Unachtsamkeit und keine Schw?che.“
Ein kurzer Schatten huschte durch seine Gedanken. Der ?ther bestraft also Ehrgeiz und Leichtsinnigkeit, dachte er.
?Der ?ther prüft, trifft seine Wahl“, erwiderte sie. ?Und er beobachtet.“
Ein Ziehen durchlief seine Wange. Die Rune unter seinem Auge reagierte – nicht aggressiv, sondern erwartungsvoll. Als h?tte sie dieses Urteil l?ngst gef?llt. Langsam hob er den Kopf. Für einen Moment trafen sich ihre Blicke. Und in diesem Augenblick war da nichts Strategisches. Kein Kalkül und keine Berechnung. Aethyrael konnte in diesem flüchtigen Moment einen winzigen Teil ihrer Emotion spüren. Ein feiner Riss in der sonst so makelosen Fassade seiner Sch?pferin. Aelthyria betrachtete ihn nicht wie ein Werkzeug. Nicht wie ein Experiment. Sondern wie etwas, das sie nie wieder verlieren wollte. Seine Aufmerksamkeit richtete sich erneut auf das schwebende Grimoire der Gravitation. Ein lockender Impuls ging wie eine unsichtbare Welle vom Buch aus und streifte seine Sinne. Ein bitterer und metallischer Geschmack benetzte seine Lippen, als er sich auf den schwebenden Schmerz konzentrierte, der vor ihm seine Bahnen zog.
?Kannst du es spüren?“, fragte Aelthyria leise.
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Er nickte z?gernd. ?Es… wartet.“
?Nein.“ Ihr Blick wurde einen Hauch intensiver. ?Es erkennt dich an.“
Er atmete tief ein, die Finger leicht gespreizt. Kaum hatte er seine Hand in Richtung des Buches bewegt, begann der Boden unter seinen Fü?en sich leicht zu verformen, als würde die Gravitation um ihn herum auf seinen Willen h?ren. Doch kurz bevor seine Fingerspitzen die M?glichkeit hatten den Einband des Buches zu berühren, begrü?te ihn der sü?e Schmerz erneut. Als h?tte er sich wie ein einf?ltiges Kind die Finger verbrannt. Ein kurzer, schneidender Schmerz. Er schnalzte unzufrieden mit der Zunge und zog seine Hand instinktiv zurück.
?Du musst das nicht allein tun“, sagte sie schlie?lich.
Er lachte leise und ungl?ubig. ?Ich dachte, genau darum geht es.“
?Nein.“ Ihre Stimme verlor jede Spur von kosmischer Ferne. ?Es geht darum, dass du lernst, dass du es nicht allein bist. Deine kindlichen Zweifel enden heute dort, wo sich unser Schmerz vereint.“
Das traf ihn unerwartet und h?rter als jede Nadel zuvor. Seine Finger bewegten sich. Z?gernd diesmal nicht aus Trotz, sondern aus Bewusstsein. Als er das Grimoire berührte, schloss sich ihre Hand schützend um seine, und die Welt, die er bis dahin kannte, zerriss nicht einfach nur. Sie wurde purer, ungefilterter Schmerz. Ein Impuls schoss durch seinen K?rper – kein einzelner, sondern tausend gleichzeitig. Als würden unsichtbare F?den jede Faser in ihm erfassen und neu ausrichten. Seine Knie gaben beinahe nach. Luft wurde zu Gewicht. Gewicht zu Druck. Druck zu etwas, das drohte, ihn von innen heraus zu sprengen. Seine Knochen vibrierten, seine Haut spannte sich, als l?ge unter ihr eine zweite Form, die versuchte, sich Raum zu schaffen. Die Rune unter seinem Auge brannte auf – nicht sichtbar für andere, aber für ihn wie ein Stern, der durch Fleisch wachsen wollte.
Aethyrael wollte schreien, doch seine Lippen blieben stumm. Er biss die Z?hne zusammen, denn er wollte nicht brechen. Im n?chsten Herzschlag wollte er nur noch überleben. Wollte, dass es aufh?rt, dass es endet. Doch er musste ziemlich schnell feststellen, dass er eine Tür ge?ffnet hatte, die sich nicht mehr schlie?en lie?. Die Runen flüsterten ihm Worte zu. Alte, schwere Muster, die sich in seine Nerven gruben wie tausend feine Nadeln. Die rohe Kraft des ?thers floss unerbittlich weiter, nicht in Hitze, sondern in Bedeutung. Zeichen, die er nicht verstand, rissen wie Funken durch seine Wahrnehmung. Gravitation war keine Kraft. Sie war Beziehung. Und sein K?rper war noch nicht bereit, das vollst?ndig zu begreifen. Blut sickerte aus seiner Nase, ein Geschmack, der Aethyrael an den Geruch seiner Sch?pferin erinnerte. Feine Risse zogen sich über seine Haut wie zerbrechendes Glas.
?Zu viel…“, presste er hervor, und zum ersten Mal klang in seiner Stimme keine Ironie. Seine Knie gaben fast nach. Nicht vor Schw?che – vor Intensit?t. Sein K?rper zitterte, als versuche er, eine neue Umlaufbahn zu finden. Er versuchte die Augen ge?ffnet zu halten, immer stur noch vorne gerichtet. Auf das unscheinbare Buch, seinen gr??ten Feind und besten Freund. Doch er konnte es nicht. Seine Wahrnehmung spielte ihm Streiche, die er nicht ertragen konnte. Ein violettes Schimmern hatte sich über den Garten gelegt. Und nicht nur das, er selbst schien auch violett zu schimmern. Gepaart mit dem bitteren Geschmack und dem sü?en Schmerz, der ihm folgte wie ein treuer Begleiter.
Der Schmerz erreichte seinen H?hepunkt und hielt erbarmungslos an. Ein endloser Moment. Eine Reise ohne Wiederkehr. Aethyrael schloss die Augen in der Hoffnung, dem Unausweichlichen zu entkommen, doch er t?uschte sich. Er spürte, wie sich eine zweite Aura in den inneren Nexus aus Chaos schob, der in ihm rotierte. Selbst mit geschlossenen Augenlidern konnte er ein violettes Schimmern wahrnehmen. Langsam, aber sicher wurde es unangenehm.
?Hab keine Angst, mein Kind“, flüsterte Aelthyria. ?Ich bin hier... Ich werde immer hier sein.“
Er spürte ihren Atem. Und darunter – etwas, das selbst ?lter war als Schmerz. Standhaftigkeit. Als ihre Gedanken sich berührten, wurde ihr Griff mehr zu einer festen Umarmung. Als fürchte sie, man k?nnte ihr den Stern entrei?en. Ihre Atmung ver?nderte sich. Kaum h?rbar, doch er merkte es. Sie war nicht unberührt. Der Sturm tobte weiter durch seine Adern. Doch er war nicht mehr allein im Zentrum davon. Und irgendwo, jenseits des Gartens, jenseits der Mauern, zog ein kaum messbarer Impuls durch den ?ther.
Interesse, doch nicht am Grimoire. An dem Kind, das standhielt. An der Macht, die sich entschied, mit ihm zu stehen.
Dann – mitten in dem violetten Schimmern – h?rte er es. Nicht mit seinen Ohren, sondern tiefer. In den Runen selbst. In dem Raum zwischen seinen Herzschl?gen. In der düsteren Dunkelheit, die keine Grenzen kannte.
Die Worte kaum mehr als ein Zischen aus den Schatten.
"Gravitation…" Die Stimme war uralt, kalt jedoch unheimlich interessiert. "Und Einsicht. Du tr?gst zwei der alten Siegel. Die, die wir l?ngst verloren glaubten." Ein kaltes, gieriges Verlangen schwang darin mit. "Sieben für sieben… ein Stern für die Leere. Du bist interessanter, als deine Sch?pferin ahnt, kleiner Erbe."
Bevor der ?ther weitersprechen konnte, fielen ihm Aethyraels eigenen Runen ins Wort. Nicht mit Angst, sondern mit Verachtung und Zorn. "Du spottest über das, was du einst gefürchtet hast. ?u?erst kurzsichtig, doch das war schon immer eure Schw?che. Niedere Entit?ten bleiben niedere Entit?ten. Nicht wahr?" Die Stimme in ihm war nicht seine eigene. Sie war ?lter als alles, was er kannte – ein Echo aus einer Zeit, in der weder Materie noch ?ther die Herrschaft hatten. "Wir existierten bereits, als ihr noch nicht mal vorgesehen wart. Immer noch wie Kinder, die es nicht besser wissen. Schon bald wird euch erneut Richtung gegeben werden. Sorgt euch nicht."
Der ?ther schwieg einen winzigen, fast erschrockenen Moment. Dann lachte er leise. Ein Ger?usch wie das Mahlen ganzer Welten. "Interessant… Dann wollen wir sehen, wie lange ihr euch noch an diesen zerbrechlichen Stern klammern k?nnt, bevor er uns in die H?nde f?llt."
Und pl?tzlich irgendwo in der Dunkelheit spürte er sie. Aelthyria. Ihre Pr?senz war wie ein warmer, eiserner Anker – besitzergreifend, verzweifelt, wütend. Sie war bei ihm. Sie hielt ihn fest. Aethyrael war beruhigt. Er war nun nicht mehr allein, in dieser zeitlosen Dimension.
Aber das Flüstern des ?thers lachte erneut, diesmal leiser, fast mitleidig. "Sie kann dich nicht für immer halten, Stern. Die Zeit… die Zeit ist auf unserer Seite."
Aethyrael lachte laut, respektlos und zynisch, wie er es immer tat, wenn man ihm drohte.
?Dann solltet ihr vielleicht mal lernen, pünktlich zu sein. Ich warte nicht gerne und Zeit habe ich auch keine. Vor allem für so nervige Gestalten wie ihr es seid.“
Aus den tiefen seines Geistes stieg pl?tzlich ein raues, uraltes Lachen auf – seine eigenen Runen. Ein tiefes, anerkennendes Grollen, das durch seine Knochen vibrierte wie Applaus aus einer l?ngst vergessenen Zeit. "Würdig," flüsterten sie. "Endlich würdig und nicht zu brechen."
Der ?ther antwortete nicht mit Worten. Er antwortete mit Schmerz. Ein brutaler, wei?glühender Blitz fuhr durch jede einzelne Rune, als wollte er das Gef?? selbst zerrei?en. Aethyrael krümmte sich, die Z?hne fest zusammengebissen, Blut schoss ihm aus der Nase und tropfte auf den wundersch?nen, smaragdgrünen Boden des Gartens. Ein schreiender Kontrast – violettes Schimmern auf beruhigendem Grün.
Die Runen lachten nur. "L?cherlich," h?hnten sie. "Ein l?cherlicher Versuch, das Gef?? zu brechen, das wir als würdig erachten. Kurzsichtig wie immer!"
Der Schmerz wurde noch sch?rfer, doch er riss ihn gleichzeitig aus der zeitlosen Dimension heraus. Pl?tzlich war alles vorbei. Aethyrael stand wieder im Garten. Die Luft roch nach Blüten und frischem Gras. Das Grimoire der Gravitation schwebte ruhig und schwerelos vor ihm, als h?tte es schon immer dort hingeh?rt. Seine Runen summten zufrieden ein Lied, das von Schmerz und Verbindung erz?hlte. Er wusste nicht warum, und den Sinn dahinter verstehen konnte Aethyrael ebenso wenig. Ein letzter sanfter Impuls der Stimme seiner Rune streifte sein Bewusstsein.
Anerkennung schwang in ihr mit, und vielleicht auch ein wenig Selbstzufriedenheit: "Du hast dich erstaunlich gut geschlagen, Kind Anankes. Deine Sch?pferin verdient ein Lob, sie hatte schon immer gute Augen und das richtige Einfühlungsverm?gen. Dein Wunsch sei dir gestattet, die Wahl liegt bei dir. Doch nimm dich in Acht, kleiner Stern, es nicht zu übertreiben. Wir wissen um dein Talent darin." Ein letztes leises Lachen, dann war alles still. Sie hatten es akzeptiert.
Aethyrael taumelte, die Beine wollten ihn nicht mehr tragen. Ein bitteres, trockenes L?cheln zog über seine Lippen.
?Sieh einer an… dieses Mal ist es nicht das Blut niederer Sterblicher, sondern mein eigenes“, murmelte er. Ein Scherz, um den Schmerz zu vertreiben, bevor seine Beine ihm den Dienst endgültig versagten.
Der Blutrote Nebel der Resonanz wirkte wie eine unsichtbare Hand, die ihn aufhob, bevor er auf den Marmor des Gartens aufschlug. Die W?rme der Runen Aelthyrias str?mte in seinen K?rper, heilend, ordnend, verbindend – und dennoch nagte der Schmerz weiter an ihm, als würde er testen, wie viel ein Stern wirklich aushalten konnte. Seine Augen suchten Vaelthrys und fanden sie einen Augenblick sp?ter. Sie musterte ihn nachdenklich, Sorge lag in ihrem Blick. Doch er l?chelte sie an, als w?re nichts gewesen, zumindest gab er sich alle Mühe, es so wirken zu lassen.
?Und wie ich etwas anderes erwartet habe“, sagte er und warf ihr einen vielsagenden Blick zu. ?Und ich vermute, damit bin ich auch nicht mehr allein“, fügte Aethyrael murmelnd hinzu.
Vaelthrys sah ihn entgeistert an und schnaubte. Dann erhob sie sich mit gewohnter Eleganz von der Mauer des Brunnens und kniete sich vor ihn hin. Die goldenen Augen mit Güte erfüllt. Sie betrachtete ihn erneut, so wie sie es bei der Prüfung der sterblichen getan hatte. Ein L?cheln lag auf ihren Lippen, was der grotesken Situation der Gegens?tze einen Teil der Ernsthaftigkeit nahm.
?Scharfsinnig wie immer“, sagte sie, ?und doch muss ich widersprechen, Kleiner. Auch wenn es dein eigenes Blut ist, der Aufzug hilft trotzdem nicht.“
Aelthyria lachte leise: ?Vaelthrys hat recht – Blut steht dir nicht. Aber Gravitation… die schon.“
Aethyrael drehte sich langsam um, doch er musste für einen Moment innehalten. Sein K?rper war durch das Erlebte immer noch wie bet?ubt. Er hatte nicht einmal bemerkt, dass Aelthyria ihn noch immer in ihrem eisernen Griff hielt, doch sie lie? ihn gew?hren. Gerade so weit, dass sich ihre Blicke trafen. Ihr wundersch?nes Kleid war befleckt mit kleinen Spritzern seines Blutes. Violett schimmerndes Rot auf Nachtblau, azurblau leuchtende Runen der Sch?pfungskraft tanzten pulsierend im Hintergrund. Doch so bezaubernd dieser Anblick auch sein mochte, als er ihre mit Blut benetzten Lippen sah, weiteten sich seine Augen. Auch sie hatte einen Preis bezahlen müssen. Aber all das schien sie nicht im Geringsten zu st?ren. Stolz und Freude lagen in ihren wachen Augen verborgen.
Geteilter Schmerz ist halber Schmerz. Mutter, dachte er und l?chelte sie an. Er wusste, dass Aelthyria seine Gedanken h?ren konnte.
Ihre Antwort folgte sofort, unmissverst?ndlich in den Tiefen des rei?enden Stroms, der durch seinen Geist floss. Eine W?rme und Verbindung, die sich über seine Sinne legte, in einer Intensit?t, die er zuvor so nie erlebt hatte.
?Nein, mein Stern“, antwortete sie liebevoll, w?hrend ihr Griff mehr zu einer festen, innigen Umarmung wurde. ?Dieser Schmerz ist das, was uns für immer tief verbinden wird.“
Aethyrael konnte spüren, dass er seiner Sch?pferin n?her stand als zuvor. Sie hatte Recht. Der erlebte Schmerz hatte eine noch tiefere Verbindung geschaffen. Eine emotionale Brücke, die er ohne Widerstand überquert hatte. Eine Brücke, die von nun an für sie immer offen stehen würde. Ob das für ihn zum Verh?ngnis werden k?nnte, wusste er nicht mit Sicherheit. Ironie des Schicksals – dass ihm diese Verbindung genau das versprach: die Sicherheit zu wissen, was ihn erwarten würde. Vorerst.

