Ein greller Lichtstrahl schnitt durch die Finsternis und bohrte sich gnadenlos unter Valerias Lider.
Sie versuchte, den Kopf abzuwenden – doch die Bewegung l?ste sofort eine Welle von übelkeit aus. Der Magen zog sich krampfhaft zusammen, als h?tte jemand mit kalten Fingern an ihrem Inneren gerissen. Valeria erstarrte und presste die Lippen aufeinander, bis sie einen bitteren Geschmack auf der Zunge hatte.
Ihre Lider fühlten sich bleischwer an, als h?tte man glühende Steine daraufgelegt. Jeder Versuch zu blinzeln drückte sie tiefer in die Kissen. Der K?rper wollte nicht gehorchen. Er wollte liegen bleiben. Er wollte vergessen.
Doch vergessene N?chte rochen nicht nach Lavendel.
Ein dumpfes, tief sitzendes Ziehen zog sich durch jeden Muskel, nicht wie ein gew?hnlicher Muskelkater nach einem Trainingstag an der Akademie, sondern wie der Nachhall einer unnatürlichen Anspannung, die sie im Wald zerrissen hatte. Es sa? in den Knochen, nicht in den Fasern. Als w?re ihr K?rper eine Saite, die man so lange überspannt hatte, bis sie hauchdünn und spr?de geworden war.
Valeria versuchte zu schlucken.
Der Hals war so trocken, dass es schmerzte. Es schmeckte nach altem Sand und verbranntem Eisen. Als sie vorsichtig einatmete, zuckte ein stechender Schmerz durch ihre Brust – ein scharfer Riss, der bei jedem Ausdehnen der Lungenflügel erneut aufbrach, als würde etwas in ihr protestieren, sobald sie überhaupt existieren wollte.
Wo bin ich? Was ist passiert?
Die Gedanken kamen nicht als klare Reihe, sondern als unordentliche Splitter. Ein g?hnendes Schwarz. Hitze, die alles zu versengen drohte. K?lte, die das Blut in den Adern gefrieren lie?. Der bittere Geschmack von Asche. Und über allem schwebte dieses eine Wort, das wie ein glühendes Siegel in ihrem Geist brannte – ein Name, ein Flüstern, eine Benennung.
Valeria zwang ihre Lider einen Spalt weit auf.
Das Licht war weich, warm, goldfarben. Es tanzte durch einen Vorhang und zeichnete Muster auf die Holzdielen. Staubpartikel schwebten darin wie winzige Sterne. Irgendwo knarrte Holz – dieses langsame, beruhigende Arbeiten, das nur alte H?user machen, wenn sie sich an einen neuen Morgen gew?hnen.
Ein frischer, fast bei?ender Duft nach sauberer W?sche hing in der Luft. Seifenkraut. Lavendel. Und darunter… etwas anderes: Heu, ganz fern. Nicht stark, aber da. Wie ein Hauch, der verriet, dass irgendwo auf dem Anwesen die Scheune stand und die Welt sich weiterhin um Allt?gliches kümmerte.
Valeria blinzelte erneut, und das Zimmer sch?lte sich aus dem Nebel.
Es war ihr Zimmer.
Zuhause.
Im Anwesen von Wolfsklaue.
Die Erkenntnis traf sie nicht wie Erleichterung, sondern wie eine Frage. Ihr Blick glitt über die vertrauten Dinge: das schlichte Holzregal, die kleine Schale mit getrockneten Kr?utern, das Fenster, durch das das Licht so selbstverst?ndlich fiel, als h?tte es nie eine Nacht gegeben, die die Welt zerbrechen wollte.
Wenn ich zuhause bin… wie sind wir hierhergekommen?
Die Erinnerung stie? wieder zu.
Eichen, die sich wie S?ulen erhoben. Ein D?monenlachen wie rostige Ketten. Eine Spirale aus giftigem Grün und Violett, die sich in die Erde fra?. Schwarzes Licht, das alles verschlucken wollte. Krent am Boden. Blut auf Moos. Ihr eigener Atem, viel zu laut. Und dann— diese Barriere. Diese fünf Farben. Dieses Wort.
Valeria schloss die Augen. Ein Puls pochte in den Schl?fen. Der Kopf fühlte sich an, als h?tte jemand ihn von innen mit Watte ausgestopft.
Und ganz tief darunter, fast verborgen unter dem L?rm ihres eigenen schlagenden Herzens, war da noch etwas.
Ein zarter, zweiter Rhythmus.
Ein warmer Punkt in ihrem Inneren, der stetig pochte, als wollte er ihr sagen, dass sie nicht allein war.
Valeria presste die Lippen zusammen und unterdrückte ein St?hnen.
Sp?ter.
Das muss warten.
Erst Krent.
?Krent…?“ versuchte sie zu rufen.
Doch ihre Stimme war kaum mehr als ein heiseres Kr?chzen, ein Hauch von Luft, der in der Stille des Zimmers verhallte, ohne etwas zu erreichen. Sie schluckte erneut, sofort brannte der Hals.
Valeria stemmte die Ellbogen in die Matratze, fest entschlossen, sich aufzurichten. Sie spürte die Anspannung in den Armen, das Zittern in den Handgelenken.
Doch in dem Moment, als sie ihren Oberk?rper anhob, schoss ein schneidender Schmerz durch ihre Rippen.
Ihr Atem brach ab, als h?tte jemand ihn abgeschnitten. Die Beine, die sich anfühlten wie weiches Wachs, gaben sofort nach. Sie sank zurück in die Kissen, keuchend vor Anstrengung. Das Leinen roch nach Lavendel und nach jenem speziellen Seifenkraut, das Rubin immer benutzte, wenn sie die W?sche machte.
Ein Detail, das sie in seiner Allt?glichkeit beruhigen sollte.
Heute fühlte es sich wie eine bittere Erinnerung an: Du lebst. Aber du wei?t nicht warum.
Die Tür ?ffnete sich leise.
Fast behutsam.
Eine junge Frau trat ein. Ihr langes, feuerrotes Haar war zu einem praktischen Zopf gebunden, und ihre strahlend blauen Augen suchten sofort das Bett ab. Sie trug ein schlichtes Kleid aus festem Stoff, an dessen Gürtel mehrere gl?serne Phiolen bei jedem Schritt leise klirrten. Auf ihrem Gesicht lag ein warmes L?cheln – doch Valeria sah sofort, dass es zu dünn war. Eine Maske, die Mühe kostete.
?Rubin…?“ Valerias Stimme war nur ein Flüstern, aber in ihr lag überraschung, die selbst durch Schmerz hindurchdrang. ?Was machst du hier?“
Rubin trat ans Bett, setzte sich auf die Bettkante. Ihre Hand legte sich sanft auf Valerias Schulter – ein Griff, der gleichzeitig Trost und Prüfung war. Ihre Finger waren warm. Valeria spürte ein kaum merkliches Zittern darin. Nicht Angst. Ersch?pfung.
?Wir haben euch gefunden“, sagte Rubin leise.
Ihre Stimme war ruhig. Immer ruhig. Als w?re sie eine Decke, die man über jemanden legt, der zittert.
?Diamant und ich. Meryia schickte uns als Verst?rkung hinterher… nur für den Fall. Aber als wir ankamen…“ Rubins Blick flackerte kurz, als würde sie etwas sehen, das nicht im Zimmer war. Etwas, das nach Schwefel roch.
Sie schluckte den Schatten hinunter.
?…fanden wir nur eine Lichtung vor, die aussah, als h?tte ein Gott seinen Zorn darauf entladen. Totale Zerst?rung. Und euch beide mitten drin, vollkommen bewusstlos.“
Valeria schloss die Augen. Die Bilder brannten sofort wieder auf.
D?monenklauen. Schwarzflammen. Spirale. Krents Blut. Der Moment, in dem sie dachte, sie würde ihn verlieren.
?Wie lange…?“ fragte sie.
Das Wort kratzte in der trockenen Kehle.
Rubin zog die Decke ein Stück h?her und strich sie glatt, fast automatisch, als müsste sie Valeria physisch im Bett festhalten. ?Krent war anderthalb Tage weg. Als er aufgewacht ist, war er… na ja, er selbst.“ Ihr Blick glitt kurz zum Fenster, wo das Licht wie etwas Unschuldiges wirkte. ?Du warst vier Tage lang weg, Valeria.“
Vier Tage.
Valeria versuchte, die Zahl zu greifen, aber sie rutschte ihr durch die Finger. Vier Tage, in denen die Welt sich weitergedreht hatte. Vier Tage, in denen der Wald geatmet hatte. Vier Tage, in denen Krent wach gewesen war, w?hrend sie… nicht da war.
Vier Tage.
?Ich…“ Valeria schluckte mühsam. ?Und er? Wie geht es ihm wirklich?“
Rubin atmete langsam aus. Ein langer, schwerer Seufzer, der mehr sagte als Worte. ?Er lebt. Mehr als das.“ Ein schmales L?cheln, das ihre Sorge nicht verdeckte. ?Aber er ist nun mal Krent. Und Krent verarbeitet solche Dinge nicht, indem er still im Bett liegt und sich ausruht.“
Valeria nickte schwach.
Natürlich.
Er hasste es, schwach zu wirken. Er war Iridium. Er war ein Fels. Und Felsen lagen nicht herum und warteten darauf, dass man sie wieder zusammensetzt.
?Wir… wir haben einen Drachen gesehen“, kr?chzte sie. Ihre H?nde begannen unkontrolliert zu zittern, als h?tte das Wort selbst ihre Nerven berührt. ?Silbern. Er stand einfach nur da… als w?re er ein Teil der Welt. Dann verschwand er.“ Sie hielt kurz inne, weil ihr Atem stockte. ?Und dann kam er. Dieser D?mon.“ Ihre Finger krallten sich in die Decke. ?So etwas habe ich noch nie gespürt. Dieses Grauen… dieser Wille.“
Rubin schwieg einen langen Augenblick.
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Nicht, weil sie keine Antwort hatte. Sondern weil sie verstand, dass Valeria gerade keine Erkl?rung brauchte. Nur etwas, das sie hielt.
Rubin griff nach einem Becher Tee auf dem Nachttisch und reichte ihn Valeria. ?Ruh dich aus. Die Erkl?rungen k?nnen warten. Ihr habt überlebt, Valeria. Das ist das Einzige, was in diesem Moment z?hlt.“
Valeria nahm den Becher mit beiden H?nden entgegen. Das warme Holz fühlte sich gut an – real. Ihre Finger bebten so stark, dass der Tee kleine Wellen schlug. Der Duft von beruhigenden Kr?utern stieg ihr in die Nase und linderte das Brennen im Hals ein wenig.
Sie trank vorsichtig.
W?rme glitt in den Magen, aber sie blieb oberfl?chlich. Ihr K?rper schien nur widerwillig zu akzeptieren, dass die unmittelbare Gefahr vorüber sein sollte.
?Wie habt ihr uns überhaupt hierher bekommen?“ fragte Valeria leise, nachdem sie den Becher abgesetzt hatte.
Rubin z?gerte.
Nur einen Atemzug lang, aber Valeria merkte es. Dann nickte Rubin, als h?tte sie entschieden, dass Valeria diese Wahrheit jetzt tragen kann.
?Die Lichtung war… falsch, Valeria.“ Rubins Stimme blieb ruhig, doch ihre Augen wurden einen Hauch dunkler. ?Der Boden war vollkommen schwarz, als w?re er von innen heraus ausgebrannt. Aber die Asche war nicht wie normales Holz. Sie war klebrig. Fast wie Teer.“
Rubin verzog das Gesicht bei der Erinnerung. ?Und überall hing dieser Geruch. Schwefel, verbrannte Erde… kalter Tod. Wie ein Ofen, der viel zu lange offen stand und dessen Hitze nun alles Leben verzehrt hat.“
Valeria h?rte schweigend zu, w?hrend sich ihr Magen bei der Beschreibung zusammenzog. Sie konnte es wieder riechen, als würde die Luft im Zimmer kurz kippen.
?Krent lag da“, fuhr Rubin leiser fort und senkte den Blick, ?als h?tte ihn jemand mit roher Gewalt auseinandergerissen und dann wahllos wieder hingeworfen.“
Valeria spürte, wie ihr Herz sich verkrampfte.
?Wir mussten ihn zuerst an Ort und Stelle stabilisieren. Diamant hat…“ Rubin hielt kurz inne, und in diesem winzigen Moment lag etwas in ihrer Stimme, das Valeria selten bei ihr h?rte: ehrlicher Respekt, fast wie Staunen. ?…nun ja. Er hat sein Ding gemacht. Seine Heilenergie ist so schnell und sauber, wie ich es noch nie gesehen habe. Ohne ihn h?tten wir Krent nicht einmal hochheben k?nnen, ohne dass er uns unter den H?nden wegstirbt.“
Valeria betrachtete Rubins Gesicht genau. Rubin war selbst Iridium, Meisterin der Alchemie und Medizin. Wenn sie so sprach, dann war es mehr als ?gut geheilt“.
?Und du?“ fragte Valeria.
Rubin hob den Becher ein wenig an, als w?re das die einfachste Antwort der Welt. ?Tr?nke. Stabilisierung des Kreislaufs. Atemkontrolle. Puls überwachen.“ Ein schmales, wehmütiges L?cheln. ?Aber bei dir war es… schwieriger.“
Valerias Herzschlag beschleunigte sich. ?Weil ich… wegen der Blutklinge?“
?Weil du so unheimlich still warst“, sagte Rubin vorsichtig. ?Du hast geatmet. Dein Herz hat geschlagen. Aber dein Geist war… weit weg. Als würdest du an einem Ort sein, an dem du nicht gefunden werden wolltest.“
Rubin blickte kurz zur Tür, als würde sie erwarten, dass jemand mith?rt. Dann sah sie Valeria wieder an. ?Meryia hat uns fast gedr?ngt, euch sofort aus dem Wald rauszuholen. Sie meinte, der Schrein-Eichenwald sei im Moment ein Würfelspiel. Mal tr?gt er dich auf seinen H?nden… mal frisst er dich mit Haut und Haaren.“
Valeria schloss die Finger so fest um den Becher, dass die Kn?chel wei? wurden.
Flare.
Sie sagte das Wort nicht laut. Es blieb in ihr wie ein kleines, glühendes Geheimnis. Ein Ding, das zu gro? war, um es auf einen Tisch zu legen.
Ein metallisches Klirren hallte pl?tzlich von drau?en herein.
Rhythmisch. Hart.
Dann das charakteristische Zischen von elektrischen Funken.
Valeria wandte den Kopf sofort zum Fenster.
Krent.
Er stand unten im Hof auf einem der Trainingspl?tze. Die Morgensonne lag auf seiner Haut, Schwei? gl?nzte und rann über frische Narben, die Rücken und Brust zeichneten. Sein Oberk?rper war nackt, die Rüstung offenbar irgendwo abgelegt, als w?re sie gerade nur Ballast.
Seine Zwillingsklingen wirbelten durch die Luft. Blaue Funken tanzten in wilden Sprüngen um die Schneiden, wie eingefangene Blitze, die über Stahl rutschen und in der trockenen Luft knistern.
Doch jeder Schlag war zu hart.
Jeder Hieb war zu schwer geführt, als würde er nicht trainieren, sondern sich selbst und die Welt für sein Versagen bestrafen. Die Erde unter seinen Fü?en vibrierte bei jedem Ausfallschritt – nicht, weil er absichtlich Magie herausbrüllte, sondern weil er jede Bewegung mit verzweifelter Wucht tief in den Boden drückte.
Sein Atem ging sto?weise, schwer und unregelm??ig.
Er wirkte nicht ersch?pft.
Er wirkte wütend.
Rubin folgte ihrem Blick zum Fenster und seufzte leise. ?Seit wir euch zurückgebracht haben, hat er sich keine einzige Minute Ruhe geg?nnt. Er trainiert, bis er umf?llt… und dann steht er wieder auf.“
Valeria spürte, wie etwas in ihr zusammenzog.
?Aber… er ist noch nicht bereit für so eine Belastung“, flüsterte sie.
?Nein.“ Rubin nickte ernst. ?Er ist wütend. Und er ist verletzt. Und ich rede nicht nur von seinen Rippen oder seiner Haut.“
Rubin strich sich eine rote Str?hne aus dem Gesicht. ?Er hat drei Tage lang jede halbe Stunde bei mir nachgefragt, ob du endlich aufwachst. Jedes Mal mit demselben Blick.“
Valeria schluckte schwer. In der Brust zog sich etwas schmerzhaft zusammen, das nichts mit ihren Rippen zu tun hatte.
Rubin z?gerte einen Herzschlag, dann sprach sie weiter, leiser: ?Ich hab ihn einmal erwischt, wie er mitten in der Nacht hier im Zimmer stand.“ Ihre Stimme wurde noch weicher. ?Er stand einfach nur vor deinem Bett. Er hat nichts gemacht. Er hat dich nur angeschaut. Stundenlang. Als würde er darauf warten, dass du ihm sagst, dass alles wieder gut wird.“
Valeria starrte hinaus auf den Hof.
Krent schnitt die Luft mit t?dlicher Pr?zision. Das blaue Knistern war kontrolliert – und doch wirkte es heute wie ein Messer, das er nicht gegen einen Feind, sondern gegen sein eigenes Inneres richtete.
Er wird sich nicht schonen.
Nicht, solange er diesen Blick hat.
Im Hof knirschte Kies unter Schritten.
Eine Stimme, ruhig und fest wie Stein, hallte über den Platz.
?Krent.“
Die Luft vibrierte kurz, als h?tte das Wort eine Grenze gezogen.
Diamant trat durch das h?lzerne Tor.
Sein graues Haar fiel ihm unordentlich in die Stirn, und seine gelben Augen leuchteten wachsam und klar. Keine Rüstung. Keine sichtbare Waffe. Nur eine einfache Tunika – und doch ging von ihm eine solche stille St?rke aus, dass er den Raum augenblicklich zu füllen schien. Er brauchte keine Klinge, um Autorit?t auszustrahlen.
Er war die Autorit?t.
Krent hielt mitten im Schlag inne.
Sein Brustkorb hob und senkte sich heftig. Schwei? tropfte von seinem Kinn auf den staubigen Boden. Die blauen Funken zuckten noch nerv?s über den Stahl, als würden sie sich weigern zu akzeptieren, dass er die Bewegung gestoppt hatte.
?Du…“ Krents Stimme vibrierte vor unterdrücktem Zorn. ?Du hast nicht gesehen, was ich gesehen habe, Diamant.“
Diamant blieb stehen, etwa fünf Meter von ihm entfernt. Keine Regung im Gesicht. Keine Provokation. Nur dieser Blick, der schon immer zu viel gesehen hatte.
?Du wei?t nicht, wie es sich anfühlt“, fuhr Krent fort, die Worte schneller, sch?rfer, ?so vollkommen gedemütigt zu werden. Vor ihr. Vor Valeria. Ich konnte nichts tun.“
Diamant antwortete nicht sofort. Als würde er Krent Zeit lassen, sich selbst zu h?ren. Dann sagte er ruhig:
?Du bist am Leben, Krent. Das ist das einzige Ergebnis, das z?hlt.“
Krent lachte kurz auf – hart, kaputt. ?Nicht, weil ich stark genug war!“ Seine Stimme stieg, und ein Schwall Funken sprühte von den Klingen wie protestierendes Feuer. ?Sondern weil wir… weil wir gerettet wurden von etwas, das ich nicht einmal benennen kann!“
Diamant trat einen Schritt n?her. Langsam. Als würde er einem verletzten Tier zeigen, dass er keine Angst hat.
?Dann wirst du eben wieder stark.“
Er legte Krent ruhig die Hand auf die zitternde Schulter. Für einen winzigen Augenblick flackerte die Luft um ihn herum: ein leises, goldenes Glimmen, reine Heilenergie, die in ihm pulsierte wie ein zweiter, ruhiger Herzschlag.
Es war nicht grell. Nicht dramatisch.
Es war einfach nur da.
Stabil. Unerschütterlich.
?Aber nicht auf diese Weise, mein Freund.“
Krent knurrte leise, die F?uste fest um die Griffe geballt. Wut kochte sichtbar in ihm hoch. Seine Kiefermuskeln zuckten, als würde er die Worte zerbei?en wollen.
Ich will st?rker sein.
Ich muss es sein.
Doch Diamants Blick war so klar und unnachgiebig, dass er keinen weiteren Widerspruch zulie?.
?Wenn du so weitermachst“, sagte Diamant, ?zerst?rst du dich selbst, bevor du überhaupt wieder einen Dungeon betreten kannst. Dein K?rper ist noch nicht bereit. Deine Magie ist instabil.“ Er neigte den Kopf einen Hauch, und in dem kleinen Winkel lag etwas, das nach früher klang – nach zwei Jungen, die sich seit Kindertagen kennen. ?Noch ein Tag in diesem Tempo… und du liegst wieder auf der Schwelle zum Tod.“
Krent starrte ihn an, als würde er ihn in diesem Moment am liebsten hassen wollen.
Dann flackerte für einen kurzen, h?sslichen Moment etwas anderes in seinem Gesicht auf:
Nackte Angst.
Nicht die Angst vor dem D?mon.
Die Angst vor dem Gefühl, wieder so hilflos zu sein.
Diamant lie? ihm diesen Moment. Er sagte nichts, bis Krents Atem sich ein wenig beruhigte und die blauen Blitze auf dem Stahl schw?cher wurden, als würden sie müde.
Dann hob Diamant langsam die Hand und deutete auf die Mitte des Hofes. ?Komm.“
Ein einziges Wort, und doch klang es wie ein Weg.
?Wenn du so viel Wut in dir tr?gst“, fuhr Diamant fort, ?dann lass mich sie spüren. Vielleicht kann ich dir helfen, sie in etwas Nützliches zu verwandeln.“
Seine Stimme blieb ruhig, aber sie trug Gewicht. Kein Spott. Keine Konkurrenz. Eher… ein Angebot, das zugleich die Autorit?t eines Befehls hatte.
Krent presste die Z?hne so fest aufeinander, dass die Kiefermuskeln hervortraten. Das blaue Knistern wurde leiser, fast so, als würde es auf Diamants Ruhe reagieren. Er senkte die Waffen ein Stück, nicht aus Respekt, sondern weil sein K?rper endlich bemerkte, dass er vor Ersch?pfung zitterte.
?Wenn ich dich treffe…“, begann Krent rau.
Diamant hob eine Augenbraue. ?Dann heile ich es einfach wieder.“
Ein schwaches L?cheln — selten, fast v?terlich. Und darunter eine Spur von Neckerei, die nur jemand benutzen konnte, der Krent seit er fünf war kannte.
?Und du lernst vielleicht endlich wieder zu atmen, bevor du zuschl?gst.“
Krent schnaubte.
Diesmal war es weniger Trotz, mehr ein kurzes, kaputtes Lachen. Er drehte die Klingen in seinen H?nden und stellte sich in Position. Nicht mehr wie jemand, der die ganze Welt erschlagen will. Eher wie jemand, der sich beweisen muss, dass er die Klingen überhaupt noch halten kann, ohne daran zu zerbrechen.
Oben am Fenster beobachtete Valeria das Geschehen schweigend.
Die Sonne lag warm auf dem Hof. Man h?rte irgendwo einen Vogel. Ganz fern. Ein normaler Ton. Ein normaler Morgen. Und trotzdem sah es aus, als würde Krent gegen eine Nacht k?mpfen, die er nicht loswird.
Das ist der einzige Weg für ihn.
Und wahrscheinlich auch für uns.
?Ihr zwei seid so unglaublich st?rrisch…“, murmelte sie leise.
Rubin, die noch immer neben ihr stand, schenkte ihr ein kleines, ehrliches L?cheln. ?Vielleicht.“ Sie legte Valeria kurz die Hand auf den Unterarm, sanft, stützend. ?Aber genau das ist einer der Gründe, warum Wolfsklaue als die st?rkste Einheit gilt.“
Wolfsklaue.
Vier Iridium-Abenteurer, die nicht durch Zufall zusammengekommen waren. Eine Einheit, die Meryia geschliffen hatte — nicht mit Ranglisten, sondern mit Wahrheit. Mit Eins?tzen, die wehtun. Mit Entscheidungen, die man nicht zurücknimmt. Mit Vertrauen, das nur entsteht, wenn man sich auch von seiner h?sslichen Seite kennt.
Valeria erwiderte das L?cheln nicht.
Ihr Blick blieb auf Krent gerichtet.
Er setzte zum ersten Schlag an.
Diesmal langsamer. Kontrollierter. Fast vorsichtig — als würde er selbst nicht glauben, dass er langsam darf.
Diamant wich der Klinge aus, als w?re es ein Tanz, den sie seit Jahren kannten. Kein Sprung, kein hastiges Ausweichen. Nur ein Schritt, minimal. Ein Winkel. Als würde er Krent zeigen: Du musst nicht schreien, um zu treffen.
Krent führte den zweiten Hieb mit zu viel Wucht.
Diamant legte zwei Finger gegen die flache Seite der Klinge.
Und stoppte die Bewegung.
Nicht mit roher Kraft. Sondern mit einer Ruhe, die h?rter war als Stahl.
Krent erstarrte im Schlag, die Muskeln vibrierten, Funken sprangen kurz auf. Sein Blick flackerte.
Diamant sagte nichts.
Er lie? ihn fühlen.
Dass Wut ein Werkzeug ist. Aber auch ein Feuer, das dich frisst, wenn du es nicht führst.
Valeria atmete tief aus, ohne zu merken, dass sie die ganze Zeit die Luft angehalten hatte.
In ihrem Inneren regte sich für den Bruchteil eines Herzschlags erneut dieses warme, winzige Etwas. Ein zweiter Rhythmus, kaum wahrnehmbar, der ihr ein Gefühl gab, das sie nicht einordnen wollte – weil es zu weich war für das, was sie gerade erlebt hatten.
Valeria schluckte schwer und dr?ngte das Gefühl mit aller Macht zurück.
Nicht jetzt.
Noch nicht.
Drau?en im Hof trainierte Krent weiter, und sie wusste: Er würde sich nicht schonen. Nicht, solange dieser brennende Blick in seinen Augen blieb, der nach einer Antwort auf das Unm?gliche suchte.
Aber Diamant war bei ihm.
Und Rubin war bei ihr.
Und irgendwo zwischen dem Knacken des Holzes, dem Duft nach sauberer W?sche und dem Zischen der Funken lag eine Wahrheit, die Valeria nur z?gernd zulie?:
Der n?chste Tag hatte begonnen.
Und sie waren noch da.

