Auf dem Rückweg zum Waisenhaus dachte Charles noch einmal über die Geschehnisse nach.
Ich bin mir zu einhundert Prozent sicher, dass sein T-Shirt vorhin im Waisenhaus noch einwandfrei aussah. Er ist weder hingefallen, noch h?tte er sich in der Holzhütte schmutzig machen k?nnen. Au?er an der Wunde, welche ihm Maya zugefügt hat.
Charles starrte auf das T-Shirt von Valentin. Nach einer Weile bemerkte ihn dieser und warf einen verstohlenen Blick zurück. Als w?re nichts gewesen, schaute Charles zur Seite. Kurz darauf drehte sich Valentin wieder um und Charles sah ihn aus dem Augenwinkel weiter an.
Bei einem roten Shirt wie seinem würden Blutflecken überhaupt nicht auffallen. Warum wollte er dieses dann sauber machen? Es ist viel wahrscheinlicher, dass er am Fluss war, um seine verletzte Hand zu waschen, damit sich die Wunde nicht infizierte. Aber weshalb ging er extra so weit, vor allem, wenn die Küche direkt vor ihm lag?
Sein Blick wanderte nun zur rechten Hand von Valentin, welche er tief in seiner Tasche vergraben hatte.
Wenn der Trick blo? schiefgegangen ist, wieso versteckt er dann seine Hand, anstatt mir oder Maya Bescheid zu sagen? Au?erdem ist mir doch auch nichts passiert w?hrend der Show. Warum sollte sie bei einem Fremden wie mir vorsichtiger sein als bei Valentin?
Seine Augen weiteten sich.
D-das war doch nicht etwa mit Absicht? Nein. Oder? Valentin scheint einer ihrer besten Freunde zu sein. Wieso sollte sie das machen? Andererseits deutet einfach viel zu viel darauf hin, dass es kein Unfall war.
In Charles’ Gesicht zeichnete sich langsam der Schock über diese erschreckende Erkenntnis ab.
?Alles okay, Kumpel? Denkst du immer noch über die Tricks nach?“, fragte Valentin, der sich leicht zu ihm gedreht hatte.
Schnell fasste sich Charles wieder.
?Oh, ja, alles in Ordnung.“
Er verschr?nkte seine Arme hinter den Kopf, beugte diesen etwas nach hinten und sagte: ?Mann, ich würde auch gerne so zaubern k?nnen. Jedoch fand ich den letzten Trick etwas seltsam.“
Daraufhin hielt Valentin kurz inne.
?Wie meinst du das?“
Auf einmal hielt Charles an.
?Na ja, als sie bei mir diesen Trick gemacht hat, habe ich absolut gar nichts gespürt, obwohl ich eigentlich erwartet h?tte, h?llische Schmerzen zu haben. War das bei dir genauso? Irgendwie sah deine Reaktion in meinen Augen viel zu überzeugend aus.“
Ein offensichtlich gespieltes L?cheln legte sich auf Valentins Lippen, w?hrend er sich in den Nacken griff.
?A-achso, ?hm … nein. Ich habe ebenfalls nichts gespürt. Sie hat mich nur kalt erwischt. Das ist alles. Maya ist eine routinierte Magierin und wei?, was sie machen muss, um alles noch realer wirken zu lassen. Macht das gerade nicht einen guten Zaubertrick aus? Was sich vor deinen Augen abspielt, wirkt so unerkl?rlich, aber auch so echt, dass man denkt, Zeuge von echter Magie geworden zu sein.“
Der Gesichtsausdruck von Charles verfinsterte sich. Er nahm die H?nde runter und schaute Valentin mit durchdringendem Blick an.
?Das ist komisch, denn für mich sah es so aus, als h?ttest du heftige Schmerzen gehabt.“
An der Mauer angekommen, blieb Valentin stehen, schwieg kurz und kniete sich hin, um Charles mit einer R?uberleiter zu assistieren. Dieses Mal hatte er seine linke Hand bereits auf die rechte gelegt, was es Charles unm?glich machte, zu sehen, ob er eventuell eine Verletzung hatte.
?Ich war einfach nur geschockt, genauso wie du. Mir ist nichts passiert. Keine Sorge!“
Um keinen weiteren Verdacht zu erregen, stieg Charles auf die Hand von Valentin und lie? sich von ihm nach oben heben.
Wie erwartet. Valentin deckt sie. Er war definitiv am Fluss, um seine Wunde zu versorgen. Da bin ich mir auf jeden Fall sicher. Aber auch wenn ich ihn jetzt dazu auffordere, mir seine Hand zu zeigen, hat er bestimmt nur eine weitere Ausrede parat.
Als Charles den Rand der Mauer zu fassen bekam, fiel ihm ein anderes Detail auf. Er sah runter zu Valentin und fragte: ?Du h?ttest doch auch einfach aufs Klo gehen k?nnen, um dein T-Shirt zu waschen. Warum bist du extra den Weg bis zum Fluss gegangen?“
?Na, weil dieses besetzt war.“
Bei dieser Antwort fiel der sich gerade eben erst aufgerichtete Charles beinah wieder runter.
Da war au?er uns noch einer in der Holzhütte? Die ganze Zeit? So lange ist doch niemand einfach nur auf dem Klo. Das hei?t, jemand hat sich dort versteckt? Aber wieso?
In der Cafeteria angekommen, schnappte sich Valentin ein Tablett und ging zur Essensausgabe, die an der Seite des Raumes aufgebaut war.
?Oh Mann, ich bin kurz vorm Verhungern.“
Obwohl er anscheinend verletzt ist, scheint das seinen Appetit nicht zu hemmen. Fast so, als w?re das für ihn der Normalzustand.
Der Blick von Charles fiel auf die Verb?nde an Valentins Armen.
Scheint so, als würde er sich ?fter verletzen … oder verletzt werden.
Vor seinem geistigen Auge spielte sich erneut die Szene aus der Holzhütte ab, w?hrend er sich ebenfalls ein Tablett griff und Valentin folgte. An einem Schild las Charles die heutige Speisekarte: ?Nudeln mit K?se und Tomatenso?e oder Fisch mit Kartoffeln sowie Gemüse als Beilage.“
Da Charles kein Gemüse mochte und von seiner Zeit auf der Krankenstation bereits wusste, dass die Erzieher aufs Aufessen bestanden, beschloss er, die Nudeln zu nehmen. In der Zwischenzeit war Valentin bereits an der Reihe und zeigte gierig auf den Fisch. Dabei lief ihm das Wasser im Mund zusammen. Gleich darauf war auch Charles an der Reihe. Abgedeckt hinter einer Glasscheibe standen mehrere dampfende Kocht?pfe, aus welchen die Erzieher jegliche Gerichte zusammenstellten und an die anstehenden Kinder verteilten. Nachdem beide Jungen an der Reihe gewesen waren, suchten sie zusammen einen Platz. In der Mitte des Raumes waren mehrere lange Tische aufgebaut, an welchen jeweils zwei B?nke für die Kinder bereitstanden.
Pl?tzlich ert?nte die Stimme eines Jungen: ?Hey Vali, hier drüben.“
Alleine an einem Tisch sa? ein gro?er, kr?ftiger Junge mit dunkelbraunen Augen und schwarzen, kurz geschnittenen Haaren. Gekleidet in einen etwas schmutzigen schwarzen Jogginganzug, an dessen Armen und Beinen seitlich wei?e Streifen verliefen, winkte er Ihnen aufgeregt zu.
Seltsam, dass noch keiner an seinem Tisch sitzt. Immerhin ist der Rest der Cafeteria schon fast voll. Wird er etwa ausgegrenzt?
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?Na, Caleb, was geht ab?“, fragte Valentin und grinste breit, ehe er sich zusammen mit Charles an den Tisch setzte.
?Essen fassen!“, antwortete der kleine Riese freundlich strahlend.
Dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf Charles.
?Ein neuer Freund von Vali?“
Nun begann auch Charles, ihn zu mustern.
Der hat wohl immer brav seine Milch getrunken. In dem Alter so einen K?rper zu haben, ist beachtlich. Locker anderthalb K?pfe gr??er als Valentin und ich. Nicht nur das. Der ist bestimmt sogar gr??er als Maya.
?Freut mich, dich kennenzulernen. Mein Name ist Charles und deiner war Caleb, oder? Du bist ja ein richtiger Riese. Wie alt bist du?“, fragte Charles und reichte Caleb die Hand.
Jedoch grinste dieser ihn zu seiner überraschung einfach nur an, bevor er sagte: ?Zw?lf.“
Und anscheinend kein Freund vieler Worte …
Sogleich nahm Charles die Hand wieder zurück und Valentin, der seinen leicht verwirrten Gesichtsausdruck bemerkt hatte, erkl?rte ihm: ?Nimm es Caleb nicht übel! Er ist … wie soll ich das sagen? Ein bisschen langsamer als die anderen.“
Die Augenlider von Charles senkten sich etwas und er sah Caleb teilnahmslos an.
Also gleich schon das n?chste Klischee? Der freundliche Riese mit wenig im Kopf also.
Doch jetzt, da er ihn endlich traf, fiel Charles etwas ein. Sofort wandte er sich wieder an Caleb: ?Valentin meinte, du wüsstest über Mayas magische Kr?fte Bescheid?“
Vielleicht ist er ja etwas kompetenter, wenn es um Informationen geht, als Valentin.
Zu seiner überraschung antwortete ihm Caleb ehrlich: ?Du meinst sicher den Ver?nderungstrick.“
Charles zog eine Augenbraue nach oben.
?Ver?nderungstrick? Was ist das?“
?Du wei?t schon: Illusion Rang I“, antwortete Caleb, w?hrend er sich weiter sein Essen in den Mund schob.
Nun mischte sich auch Valentin in das Gespr?ch ein: ?Ah, jetzt erinnere ich mich wieder. Das war doch letztens Thema im Unterricht, oder? Rang-I-Illusionisten haben die F?higkeit, Objekte für die Betrachter anders aussehen zu lassen, aber ohne diese dabei wirklich zu ver?ndern. Ein ziemlich cooler Partytrick.“
Für Charles fügten sich jetzt einige der Puzzlestücke zusammen: Deswegen konnte sie mein Herz mal eben so in der Hand halten, ohne dass ich sterbe. In Wahrheit hielt sie einfach nur die ganze Zeit den Herzk?nig fest. Wenn man bedenkt, dass sie vorher ihren Arm in meine Brust gerammt hatte, dann scheint sich diese F?higkeit wohl auch auf lebende Dinge anwenden zu lassen.
?Du h?ttest Charles’ Reaktion auf den Trick sehen sollen. Wie war das noch? G-gib mir mein Herz wieder!“
Valentin ahmte die Geste nach, die Charles gemacht hatte, um an sein Herz zu kommen, und verzog auf überspitzte Weise das Gesicht. Daraufhin wurde Charles knallrot.
?D-du warst doch nicht besser …“
Ein fremder Junge unterbrach ihn: ??Die Frucht der Gerechtigkeit aber wird ges?t in Frieden für die, die Frieden stiften.‘ Jakobus 3,18.“
Warte, ist das nicht ein Zitat aus der Bibel?
Sofort drehte sich Charles nach hinten.
Der fremde Junge setzte sich zu den Kindern an den Tisch und legte dabei die Lutherbibel, welche er sich unter den rechten Arm geklemmt hatte, um sein Tablett tragen zu k?nnen, direkt neben sich. Mit den langen blonden Haaren, dem wei?en Hemd und der braunen Hose wirkte er selbst wie aus biblischen Zeiten. Seine grünen Augen wirkten fast wie kleine Smaragde, jedoch waren sie etwas trüb und glanzlos.
?Ach Amadeus … Das war doch nur ein kleiner Spa?“, sagte Valentin und rollte w?hrenddessen mit den Augen.
?Ich sage es ja nur, Valentin“, erwiderte Amadeus mit einem friedlichen L?cheln.
?Aber egal, ich denke, ich sollte mich dir nun auch vorstellen, Charles. Mein Name ist Amadeus Reinhardt und ich bin elf Jahre alt. Sehr erfreut, dich kennenzulernen.“
?Freut mich ebenfalls. Ich bin übrigens zw?lf“, sagte Charles und nahm die Hand, die Amadeus ihm entgegengestreckt hatte.
Anschlie?end zeigte er auf das Buch neben Amadeus.
?Du liest die Bibel, wie ich sehe? Was fasziniert dich an diesem Buch?“
Einen Jungen in dem Alter zu sehen, der ein so komplexes Werk liest und daraus sogar zitiert, faszinierte ihn ein wenig.
?Ja, ich lausche gerne dem Wort Gottes. Für mich ist die Bibel nicht einfach nur ein Buch. Sie ist mehr wie ein Leitfaden. Eine Sammlung an Weisheiten, die mein Leben verbessert.“
?Inwiefern denn?“, fragte Charles und zog die Augenbrauen runter.
Ein sanftes L?cheln erschien auf dem Gesicht von Amadeus.
?Ich denke, um dies zu verstehen, musst du es selbst erleben. Ich kann dir meine Bibel gerne leihen, unter der Bedingung, dass du vorsichtig mit ihr umgehst. Schlie?lich ist das mein einziges Exemplar.“
?Eher das Einzige, das du in der Bibliothek gefunden hast“, erg?nzte Valentin.
Daraufhin fingen alle an zu lachen. Als das Gel?chter verhallt war, meinte Valentin: ?Dann fehlt ja nur noch Rochelle. Hat sie heute schon jemand gesehen?“
Amadeus kl?rte ihn auf: ?Ich hab’ sie vorhin im Hof gesehen, aber das ist schon l?nger her. Seitdem ist sie verschwunden.“
?Wahrscheinlich Di?t“, sagte Caleb, der tüchtig weiter Essen in sich hineinschaufelte.
Diese Worte lie?en Valentin mit den Augen rollen.
?Ach ja, M?dels sind immer so fixiert auf ihr Aussehen. Dabei ist Rochelle ohnehin schon eines der sch?nsten M?dchen hier.“
?Die bessere Frage ist eh, wo Maya ableibt“, fügte Caleb hinzu.
Valentin seufzte und l?chelte schief.
?Wie oft denn noch? Das hei?t ?abbleibt‘. Au?erdem ist ein Essen ohne Maya doch auch nicht so schlecht.“
Auf einmal verfinsterte sich die Miene des sonst so fr?hlichen Caleb, der sein Essen unterbrach und Valentin mit gesenkten Brauen fixierte.
Wow … Scheint so, als würde er Maya wohl sehr m?gen. Er hat zwar nicht viel im Kopf, aber dafür ein gro?es Herz.
Mit einem erneuten Seufzer stand Valentin vom Tisch auf.
?Wie auch immer. Ich muss jetzt los, Leute.“
Ungl?ubig blickte Charles auf Valentins leeren Teller.
Der hat sein Essen einfach weggeatmet. Sogar sein Gemüse? Das ist ein ganzer Kerl. Aber wo will der denn jetzt so pl?tzlich hin? Das hat sicherlich was mit Maya zu tun. Sobald ihr Name fiel, hat sich die Stimmung bei ihm komplett gedreht.
Regungslos blieb Charles sitzen und sah Valentin nach, als dieser die Cafeteria verlie?.
Was verheimlichst du vor mir, Valentin?

